Kontrapunkt : Die halbherzige Supermacht

Vom historischen Anspruch der USA, jene Macht zu sein, ohne die nirgendwo auf der Welt etwas gehen darf, ist nicht mehr viel zu spüren. Auch Deutschland kann endgültig machen, was es will. Moritz Schuller über Libyen und das postamerikanische Zeitalter.

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US-Präsident Barack Obama.
US-Präsident Barack Obama.Foto: Reuters

Merkel gegen Atomkraft, Fischer für Angriff auf Libyen, Westerwelle für Freiheit, aber gegen Krieg: In Deutschland spielt die Politik gerade Reise nach Jerusalem. Wo ein Platz frei ist, setzt man sich hin, egal, wer vorher da saß. Das ist postmoderne Politik, unideologisch und unberechenbar, und um Ende geht es ohnehin nur darum, ob ein Herr Mappus gewinnt oder verliert. Danach geht das Leben in Deutschland weiter.

Früher war das anders, da war es wichtig, wo die Deutschen saßen. Als Joschka Fischer 1998 eigenmächtig versuchte, den Westen zum Verzicht auf den Ersteinsatz von Atomwaffen zu bewegen, reichten ein paar deutliche Worte von der US-Außenministerin Madeleine Albright, und er war wieder ganz kleinlaut. Als Gerhard Schröder 2003 beim Irakkrieg nicht mitmachen wollte, war das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA wenigstens noch eindrucksvoll gestört.

Heute enthält sich Deutschland im UN-Sicherheitsrat und distanziert sich damit ähnlich öffentlich von den USA - und was passiert? Hat Hillary Clinton Westerwelle den Kopf gewaschen? Hat Obama Merkel am Telefon angebrüllt? Ist in den USA wieder vom deutschen Sonderweg die Rede? Nichts davon. Deutschland kann offenbar endgültig machen, was es will. Ein Gewinn ist das, wie man sieht, nicht.

Die amerikanische Regierung ist selbst zu wenig von dem Libyen-Einsatz überzeugt, um anderen Ermahnungen zu erteilen. Die große Führungsmacht des Westens wusste selbst lange nicht, wohin es den Rest der Welt gegen Gaddafi führen sollte, und streitet jetzt, da sie halbherzig mitmacht, über die Ziele des Einsatzes und den Umfang der amerikanischen Beteiligung. Die USA haben sich von Frankreich und Großbritannien in einen Einsatz hineinziehen lassen, für den sie in Wahrheit die militärische Verantwortung nicht übernehmen wollen.

Aber nicht nur Deutschland kann außenpolitisch machen, was es will. Die arabische Aufstandsbewegung schien das Interesse der USA kaum oder erst spät zu wecken, und auch bei Libyen war Barack Obama unentschlossen. Von dem historischen Anspruch, jene Macht zu sein, ohne die nirgendwo auf der Welt etwas gehen darf, ist nicht mehr viel zu spüren. In der Vergangenheit war es jedoch diese Interessen- und Machtpolitik der USA, die dem Rest der Welt einen Maßstab lieferte, mit dem sie sich – zustimmend oder abgrenzend – arrangieren musste. Über die USA ließ sich die Welt erklären.

Nun richtet sich der Blick oft vergeblich nach Washington. Der unentschlossene, bisweilen hilflose Umgang des Westens mit den Aufständen in Nordafrika ist ein Beleg für den Rückzug Amerikas aus der Weltpolitik. Das Land hat derzeit offenbar größere Sorgen und damit andere Interessen als Ägypten oder Libyen. Die Spielfläche, die solche Großstrategen wie Nicolas Sarkozy, David Cameron und Guido Westerwelle heute nutzen, ist die des postamerikanischen Zeitalters. Dass die Welt in einem solchen Zeitalter besser aufgehoben ist, leuchtet nicht ein.

Den USA fehlen offenbar vor allem die Kraft, ihre historische Rolle weiter auszuüben. Es ist nicht zuletzt eine ökonomische Schwäche: Jede Tomahawk-Rakete, die nach Libyen abgeschossen wird, kostet den amerikanischen Steuerzahler 1,1 Millionen Dollar. Das ist in den USA von heute sehr viel Geld.

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