Kontrapunkt : Die Honeckers - Übrig blieb nur eine Diktatur

Die Honeckers waren keine Proletarier, dafür fürchterliche Spießer. Auch das hat die ARD-Dokumentation "Der Sturz" gezeigt. Und auch, warum sich schon bald niemand mehr an Honecker erinnern wird.

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DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker und die Politbüromitglieder Egon Krenz und Günter Mittag (vorne v.r.n.l.) während der Abstimmung zum Gesetz über den Volkswirtschaftsplan 1986 am 29.11.85.Alle Bilder anzeigen
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03.04.2012 13:06DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker und die Politbüromitglieder Egon Krenz und Günter Mittag (vorne v.r.n.l.) während der...

Das war ein Urteil! Helmut Schmidt, der zum Schluss einer Fernsehdokumentation über den „Sturz“ von Erich Honecker sagt, dass in 40 Jahren Kindern der Name Honecker nichts mehr sagen wird; weil er sie auch nicht gelehrt wird. Honecker – nichts wird bleiben, das ist die Botschaft, ganz im Gegensatz zu dem, was Margot, die unverwüstliche, sagt, dass nämlich ein Samen gesät sei und die Welt auf die DDR zurückkommen werde. Ein gut gesetzter Schlusspunkt einer Dokumentation, die vielerlei an Wünschen erfüllt.

Erstens zeigt sie, was öffentlich-rechtliches Fernsehen abseits der Talkshows sein kann: autoritativ. Und zweitens belegt sie, dass die Durchdringung und Personalisierung von Politik sowohl spannend als auch inhaltsreich sein kann und dass beides einander durchaus nicht widersprechen muss. Vom Nutzen der Historie für das tägliche Leben, das politische, wird der Zuschauer hier überzeugt. Er wird auch deshalb davon überzeugt, weil das Bösartige zwischenzeitlich so entsetzlich banal daherkommt.

Margot Honecker, die ja auch gefürchtete, redet in einer Weise, dass auch dem, der sie bisher nur aus Büchern oder Artikeln kennt, klar wird, wie klein der Horizont war. Auch der ihrer Erkenntnis. Und wie sehr sie und ihr Erich vom Kleingeistigen geleitet waren. Nein, sie waren keine Proletarier. Diesen Titel haben sie nicht verdient. Sie waren keine Proleten. Sie waren höchstens, allerhöchstens, Spießer, noch dazu furchtbare: weil sie ein Land nach diesen Vorstellungen wollten. Von gestalten oder formen können wir deshalb nicht sprechen, weil das mit positiven Assoziationen verbunden wäre, die hier schlicht fehl am Platze sind. Vielmehr herrscht, wenn, dann dieses Negative vor: Einer, Honecker, der zehn Jahre im Zuchthaus gesessen hatte, damals als Funktionär einer politischen Idee, hat danach versucht, ein Land zum Zuchthaus umzufunktionieren; welch eine fixe Idee, wahrscheinlich vor allem psychologisch zu erklären. Und damit hat er eine Idee, für die er einsitzen musste, zusätzlich in einer Weise diskreditiert, die jedes Wort seiner noch lebenden Frau dementiert.

Der ehemalige Atombunker, auch Honecker-Bunker genannt, in Bildern

Honecker-Bunker
Fuehrungen durch Honeckers AtombunkerAlle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: ddp
29.07.2009 08:29Der ehemalige Atombunker, indem die gesamte DDR-Staatsführung im Falle eines Atomkrieges untergebracht werden sollte, besteht aus...

Die DDR als Samenkorn? Untergepflügt ist das Verdorrte von der Geschichte. Den Sozialismus, den die Honeckers im Munde führten, haben sie selbst doch nie gelebt. Den Sozialismus, der vom selbstlosen Menschen in allen Lebenslagen ausgeht. Nein, real existierend war kein Sozialismus, kein Kommunismus, es waren Abarten. Real wird auch kein Sozialismus mehr existieren, nicht in Deutschland, nirgendwo; und der Kommunismus war eh immer Utopie. Sage in diesem Zusammenhang keiner, Utopisten seien die besseren Realisten. Das gilt nur in der Theorie.

Von wegen klassenlose Gesellschaft: Es gab eine herrschende Klasse, wenn auch ohne Klasse, die der SED-Bonzen. Von wegen entwickelter Kommunismus: Den hat Marx mit gesellschaftlichem Reichtum und dem Prinzip "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!" beschrieben. Die DDR ist damit gewiss nicht gemeint. Von wegen Diktatur des Proletariats: Übrig blieb nur eine Diktatur. Den Kommunismus als Vorstellung einer dauerhaft sozial gerechten und – Achtung – nicht zuletzt freien Zukunftsgesellschaft kann die Nomenklatura der DDR nicht verstanden haben. Die Wirklichkeit der DDR-Führung war trist, im Leben wie im Denken. Sie hatte keine Idee von der Zukunft, außer der eigenen, und keine Erinnerung an den Wert der Freiheit. Die aber notwendig ist, um Zukunft zu denken.

Schon weil diese Tristesse, das Graue und das Grauen, dokumentiert wurde, hat sich die Dokumentation gelohnt. Die Bilder bleiben bei denen, die das geteilte Land, den geteilten Himmel erlebt haben, hüben und drüben. Das ist Lehre genug. Denn sie macht ihnen allen klar, warum es sich nicht lohnt, diesen einen im Gedächtnis zu behalten, der dafür, für Einmauerung und Entrechtung und Enttäuschung, Jahrzehnte Verantwortung trug. Wie war noch der Name?

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