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Kontrapunkt : Die Piraten und Berlin - Ein Unreifezeugnis
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Das Kennzeichen dieser Wahl war die Lust an der Realitätsflucht. Was Alfred Polgar einmal das "schlichte Rülpsen des Gehirns" genannt hat (das Urteilen ohne Urteil, das Standpunkte-Fixieren ohne Standpunkt) wird langsam zur Grundstimmung in der Stadt. Wer in das Programm der Piraten blickt, findet mehr Gesinnung als Analyse. Man nehme etwas Attac, eine Prise Gender-Gebabbel (Mann und Frau gibt es nicht, sexuelle Identität entsteht im Kopf), ein existenzsicherndes Grundeinkommen "für alle Bürger mit ständigem Wohnsitz oder unbefristetem Aufenthaltsrecht in Deutschland", ein striktes Nachtflugverbot bei BBI, ein Unterrichtsfach Rauschkunde, in dem man vom "Abstinenzdogma" abrückt, die kostenlose Nutzung von Bus, U- und S-Bahn, die Auflösung der Klassenverbände in Schulen, ein kostenloses Freifunknetz (wofür "die unentgeltliche Bereitstellung geeigneter Dachflächen" ebenso erforderlich ist wie "die unentgeltliche Bereitstellung des Betriebsstroms"). Und das sind nicht etwa Randaspekte eines in sich stimmigen Programms, sondern dessen Hauptpunkte (plus "liquid democracy" und so’n Kram).

Der Erfolg der Piraten stellt den Berlinern ein Unreifezeugnis aus. Versetzung gefährdet. Und mindestens ebenso peinlich ist die verständnisinnige Beflissenheit, mit der der Quatsch schöngeredet wird. Das, was die Piraten selbst von der Politik einfordern – mehr Ehrlichkeit! – wird ihnen selbst gegenüber verweigert. Als interpretatorische Folie wird die Reaktion auf den Erfolg einer anderen Sponti-Gruppe herangezogen. Wie war das noch 1979, als die Grüne Liste erstmals in Bremen in ein Landesparlament einzog? Die galten auch als Übergangserscheinung, bis sie dann schließlich den Außenminister stellten.

Seitdem herrscht in Deutschland die Panik, irgendwann wieder den Anschluss an die Stimmung einer Jugend zu verlieren. Also wird vorauseilende Sympathie praktiziert und jedes expressive Phänomen als relevantes Zeitsymptom missverstanden. Vergessen wird dabei, dass etwa die Grünen ihren Bremer Erfolg nur deshalb stetig steigern konnten, weil sie von einer erwachsenen, kritischen Öffentlichkeit beharrlich domestiziert wurden. Trennung von den Fundis, Akzeptanz des Machtmonopols des Staates, Bejahung der Marktwirtschaft, Abschied vom Pazifismus (Kosovo, Afghanistan): All das wäre kaum geschehen, wenn die Grünen, wie die Piraten heute, von Anfang an politisch ernst genommen worden wären.

Mit jener Ehrlichkeit, die die Piraten bei den etablierten Parteien vermissen, sollte man ihnen also zurufen: Bevor ihr nicht einmal zeigt, was ihr könnt, nehmen wir allein euer Wahlergebnis nicht zum Anlass, unsere Nadeln wegzulegen, mit denen wir regelmäßig in eure Heißluftballons stechen!

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