Kontrapunkt : Die Piraten und Berlin - Ein Unreifezeugnis

Noch blamabler als der Erfolg der Piraten ist die Panik der Öffentlichkeit, womöglich mal wieder ein Zeitgeistphänomen unterschätzt zu haben, sagt Malte Lehming. Und er droht mit einer Nadelattacke.

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Der 33-jährige Industrieelektroniker ist Gründungsmitglied der Piratenpartei. Im Abgeordnetenhaus will er sich um S-Bahn, Verkehr und Stadtentwicklung kümmern. Acht Fragen an den Spitzenkandidaten der Piratenpartei, Andreas Baum.Alle Bilder anzeigen
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13.09.2011 18:11Der 33-jährige Industrieelektroniker ist Gründungsmitglied der Piratenpartei. Im Abgeordnetenhaus will er sich um S-Bahn, Verkehr...

Herzlichen Glückwunsch, Berlin! In einem Bezirk wie Friedrichshain-Kreuzberg sind durch demokratische Wahlen Verhältnisse geschaffen worden, wie sie in undemokratischen Systemen nur durch Zwang zustande kommen. Die vereinigte Linke, wenn man sie mal so nennen darf (Grüne, SPD, Linke, Piraten, Die Partei), kommt in Friedrichshain-Kreuzberg auf 85,9 Prozent. Eines ist damit – und auch sonst – klar: Die Vergriechenlandisierung (kurz: Vergriechung) der ohnehin verarmten deutschen Hauptstadt wird sich weiter beschleunigen.

Ein Indiz dafür ist auch der Erfolg der Piraten. Erfrischend anders seien die, heißt es jetzt präventiv umarmend bis tief in die bürgerlichen Medien hinein, sie seien irgendwie noch authentisch, nicht so verbraucht und professionell, liebenswürdig naiv. Das Laienhafte, die Politclownerie der internetaffinen Jungmännervereinigung wird plötzlich unisono ins Positive gekehrt, was in einer Stadt, der es ohnehin schon so dreckig geht, dass sie kaum noch was zu verlieren hat, freilich nicht sehr verwundert.

Piratenpartei entert Berlin
Plötzlich Politiker: Wie die Piraten seit dem Einzug ins Abgeordnetenhaus ihr Leben umkrempeln. Alexander Morlang hatte seinen Chef bereits vorgewarnt – und Aufträge nur bis zum 18. September angenommen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Mike Wolff
11.12.2011 17:52Plötzlich Politiker: Wie die Piraten seit dem Einzug ins Abgeordnetenhaus ihr Leben umkrempeln. Alexander Morlang hatte seinen...

Verwundern tut nur, dass man das Frische- und Unprofessionalitäts-Prinzip als positives Kriterium nicht längst auf andere Institutionen und Vereine übertragen hat. Herthas neuer Stürmer etwa sollte tunlichst ein übergewichtiger 60jähriger Humpelfuß sein, weil der sicher ganz anders und irgendwie erfrischend neu mit dem Ball umgehen wird. Und zur Bundeswehr kommen künftig nur noch die Ausgemusterten, die man dann mit stumpfen Messern statt mit Maschinenpistolen gegen die Taliban kämpfen lässt. Auch das wird herrlich unprofessionell sein.

Verwundern tut auch, dass die Wähler, die ja offenbar partout eine unprofessionell agierende Truppe in die Parlamente schicken wollten, nicht die FDP zur stärksten Kraft gemacht haben. Denn all die Tugenden, die man jetzt den Piraten andichtet – unerfahren, chaotisch, etwas sprunghaft in den Ansichten und unausgegoren -, findet man bei den Liberalen schließlich in Hülle und Fülle. Diese ehrliche, jugendliche Spontaneität der Röslers, Bahrs und Lindners ist doch von den Freibeutern kaum noch zu toppen. Die FDP wäre die professionellste Laienspieltruppe gewesen. Aber nein, wieder eine Chance verpasst.

Warum sich nun alle mit Nadeln bewaffnen sollten, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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