Kontrapunkt : Die Piratinnenfrage - oder wie Ausschlüsse funktionieren

Auch wenn die Piraten es nicht mehr hören wollen: Um die Frage, warum sie so unattraktiv für Frauen sind, kommen sie nicht herum. Das Leugnen der Geschlechterproblematik verstärkt sie nur.

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So viel steht schon mal fest: Eine Fraktionssitzung der Piratenpartei kann nur in einem Raum mit ausreichend Steckdosen stattfinden.Alle Bilder anzeigen
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23.09.2011 19:37So viel steht schon mal fest: Eine Fraktionssitzung der Piratenpartei kann nur in einem Raum mit ausreichend Steckdosen...

Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein, sagt Marx. Was dieser Satz bedeuten könnte, kann man sehr schön bei der Frage nachvollziehen, warum es in der Piratenpartei so wenige Frauen gibt.

Es geht bei dieser Frage um Privilegien und Ausschlussmechanismen. Welche Privilegien denn, höre ich da den Piraten entsetzt fragen. Das ist doch das Gegenteil von dem, was wir wollen! Das Seltsame an Privilegien ist aber, dass es oft schwerfällt, die eigene privilegierte Position und das daraus folgende dominante und ausschließende Verhalten überhaupt zu erkennen.

Ein solcher Mechanismus funktioniert zum Beispiel, in dem der Dominante behauptet, dass ein Problem nicht existiere. Das kann ein Chef sein, der seinen Angestellten sagt, dass es in seinem Betrieb Mobbing nicht gebe. Das mag gut gemeint sein, bedeutet im Endeffekt aber, dass der Angestellte, der sich gemobbt fühlt, sich eher fragen wird, ob etwas mit seinem Empfinden unnormal ist, als sich vertrauensvoll an den Chef zu wenden. Das kann ein Lehrer sein, der sagt, dass er alle Kinder gleich behandelt, egal ob sie Kevin, Djihad oder Ole heißen. Der Lehrer meint das wirklich so. Untersuchungen haben aber gezeigt, dass die Realität eine andere sein kann. Diskriminierende Verhaltensweisen beruhen selten auf tatsächlich böser Absicht, sie sind unbewusst wirksam.

Auch die Piraten meinen es wahrscheinlich nicht böse. Bei ihnen ist das, was nicht existiert und deshalb auch kein Problem erzeugen kann, das Geschlecht. Bei der Mitgliedererfassung wird nicht nach Geschlecht differenziert, bei der Präsentation der Abgeordneten heißt es: „15 Piraten und kein Geschlecht.“ Wer darauf hinweist, dass von den 15 nur eine Person weiblich ist, hat es halt nicht verstanden, dass sie doch längst "postgender" sind. Wer darauf hinweist, dass der (geschätzte) Frauenanteil wahrscheinlich nur im Vatikan und der Penthouse-Community niedriger ist und damit die Hälfte der Bevölkerung nicht repräsentiert wird, wird mit genervtem Augenrollen quittiert. Auch die wenigen Piratinnen, die es gibt, wollen sich nun weigern, sich weiter mit dieser Frage zu beschäftigen. Frauen (so man denn auf diese veraltete Kategorie Wert legt) sind doch willkommen! Aber wenn sie nicht wollen, sollen wir sie dann zwingen?

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