Kontrapunkt : Die Suche nach einem grünen Kanzler ist verfrüht

Je wahnwitziger die derzeitige Bundesregierung eigene Positionen abräumt, desto wahrhaftiger wirken die Grünen. Doch noch immer gilt es, Wahlen zu gewinnen, nicht Umfragen, schreibt Lorenz Maroldt im "Kontrapunkt".

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Nach ihrem Wahlerfolg in Baden-Württemberg sind die Grünen in der Wählergunst bundesweit auf einen neuen Rekordwert geschnellt.
Nach ihrem Wahlerfolg in Baden-Württemberg sind die Grünen in der Wählergunst bundesweit auf einen neuen Rekordwert geschnellt.Foto: dpa

Die Grünen weit vor der SPD und nur ganz knapp hinter der CDU, so sehen die neuen Umfragen aus, und damit stellt sich die Frage: Können die auch Kanzler? Regierungserklärung von Kanzlerin Claudia Roth? Kanzler Jürgen Trittin, wie er beim EU-Gipfeltreffen auf Berlusconi und Sarkozy herabblickt? Weihnachtsansprache von Kanzlerin Renate Künast? Alternativloses Machtwort von Kanzler Cem Özdemir bei der Regierungsklausur?

Auch in Berlin liegen die Grünen wieder vor der SPD, vor der CDU sowieso. Noch vor kurzem konnte Klaus Wowereit kümen, die Grünen könnten mal langsam die Transparente mit der Zahl eines Höhenfluges abhängen, oder zumindest mit einem nach unten weisenden Pfeil versehen. Da waren sie tatsächlich wieder hinter die SPD zurückgefallen. Wowereit hielt den zwischenzeitlichen Höhenflug für eine Momentaufnahme. Jetzt hat es den Anschein, als sollte es genau anders herum sein. Doch ist es das wirklich?

Einiges spricht dafür. Je wahnwitziger die derzeitige Bundesregierung eigene Positionen abräumt, die jahrzehntelang tief verankert waren in den sie tragenden Parteien (wobei das Ende von Wehrpflicht und Atomkraft nur strahlende Beispiele sind), desto wahrhaftiger wirken die Grünen. Auch sie haben Positionen aufgegeben im Laufe der Jahre, sogar Gründungsmythen wurden geschleift: Ja zu Kriegseinsätzen unter einem grünen Außenminister, ja zu Castortransporten unter einem grünen Umweltminister, das hätte Anfang der achtziger Jahre niemand, wirklich niemand für möglich gehalten. Aber anders als Union und FDP, die eigene Grundsätze in geradezu gespenstischer Ruhe aufgaben, mal um einer Stimmung nachzulaufen (Atom), mal unter Hypnose gesetzt von einem Taschenspieler (Wehrpflicht), haben die Grünen oft hart miteinander gerungen, (und manchmal auch mit Farbbeuteln gegen die eigenen Leute gekämpft), bevor sie ihre Politik der sich verändernden Welt und ihrer sich verändernden Erkenntnis angepasst, also verändert haben - auf offener Bühne und nachvollziehbar. Die SPD, die ähnliches während der Hartz-Debatten austrug und sich schließlich ihrem Basta-Kanzler fügte (mit Ausnahme derjenigen, die der Partei den Rücken kehrten und sich der heutigen Linken zuwandten), büßte ihre Glaubwürdigkeit als Oppositionspartei wieder ein. Befreit von der Regierungslast, stellte sie ihre eigenen Reformen, die jetzt zur Politik anderer Parteien geworden war, radikal in Frage. Welche SPD war nun die echte?

Doch noch immer gilt es, Wahlen zu gewinnen, nicht Umfragen. In Baden-Württemberg ist den Grünen das gelungen, dort werden sie als zweitstärkste Partei den Ministerpräsidenten stellen. Nicht ausgeschlossen, dass auch in Berlin die zweitstärkste Partei den Regierenden Bürgermeister stellt. Das müssen dann nicht mal die Grünen sein. Bevor Klaus Wowereit in die Opposition geht, könnte ihm eine Koalition mit der CDU besser gefallen. Die Vorbehalte dagegen dürften, zehn Jahre danach, inzwischen verjährt sein. Die Suche nach einem grünen Kanzler dagegen, die scheint noch etwas verfrüht zu sein.

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