Kontrapunkt : Die zwei Seiten der Medaille Europa

Schmidt, Kohl, das waren noch Europäer. Doch unter der Kohl-Enkelin Angela Merkel enteinigt sich Deutschland von Europa. Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff erläutert im heutigen Kontrapunkt, warum der Bundeskanzler gleichwohl recht hat.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Bundeskanzleramt in Berlin zwischen den Gemälden ihrer Amtsvorgänger Helmut Kohl (CDU, l) und Helmut Schmidt (SPD).
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Bundeskanzleramt in Berlin zwischen den Gemälden ihrer Amtsvorgänger Helmut Kohl (CDU, l)...Foto: dpa

Es muss in den neunziger Jahren gewesen sein, damals, als Helmut Kohl noch Kanzler war. Da erschien von seinem Vorgänger, von Helmut Schmidt, der schon lange Herausgeber der „Zeit“ war, aber noch schrieb wie ein Kanzler, ein langer Artikel zu Europa. Darin ging es, nach meiner Erinnerung, um den Euro und den Vorläufer, die Währungsschlange oder so ähnlich, jedenfalls um etwas, das Schmidt erfunden hatte, ganz bestimmt Schmidt und sein französischer Freund Valery Giscard d’Estaing. Und wahrscheinlich auch durchgesetzt, weil das bei Schmidt ja immer wahrscheinlich ist. Aber so lang der Artikel auch war, er behandelte auch noch Edmund Stoiber und Gerhard Schröder – obwohl, von wegen behandelt, behandelt ist gut, er behandelte die beiden schlecht, richtig schlecht –, also so lang der Artikel auch war, wirklich im Gedächtnis geblieben ist er mir, weil Schmidt darin Kohl lobt. Oder zumindest fast. Und das kam ja nun wirklich nicht alle Tage vor, eigentlich vorher nie. Schmidt schrieb darin von „strategischen Pygmäen“ und den Satz: „Der Bundeskanzler hat gleichwohl recht!“

Abgesehen von diesem „gleichwohl“, einem Wort, das für mich immer mit den siebziger Jahren verbunden ist, so ein wenig übers Beamtenhafte hinausweisend, aber noch nicht ganz frei davon, ein wenig noch alte Literatur und gewählt, aber nur noch hineingestreut, ein Wort, das später, in den Achtzigern gefolgt wurde von „zuvörderst“ – abgesehen davon, dass es in Schmidts große Zeit als Regierungslenker, Jimmy-Carter-Vorgesetzter und Weltökonom zurückführte, hatte er gleichwohl recht. Denn die gemeinsame europäische Währung war nicht erst seit Kohl und seinen Worten immer die zweite Seite der Medaille. Erst die der Medaille, dass Deutschland nach dem Weltkrieg wieder als Partner in die, wie man früher so weihevoll sagte, Völkergemeinschaft zurückkehren konnte, und  in die „europäische Familie“, dann später die der zweite Seite der Medaille deutsche Einheit. Der Euro war der Preis dafür, und Gerhard Schröder, der den Euro als Ministerpräsident in Hannover an der Leine noch als kränkelnde Frühgeburt ansah, tat später, als Kanzler, auch alles Mögliche, um ihn zu stabilisieren. Ihn gut zu behandeln, richtig gut.

Schmidt, Kohl, das waren noch Europäer. Kohl ist sogar Ehrenbürger Europas geworden, der zweite erst, auf den sich dieser Kontinent verständigen konnte, und das auch noch, nachdem er wieder ein Stück mehr zusammengewachsen war. Dass er nicht zusammenwucherte, damals nicht und auch heute nicht, verdankt er dem Euro, trotz allem, denn wer den haben wollte, wer damit zahlen will, hat auch einen Preis zu entrichten. Jedes Land muss versuchen, so gut wie möglich zu wirtschaften, wer es nicht tut, bekommt das zu spüren. Oder eben den Euro nicht. Dass der eine oder andere dafür zu schummeln versucht, sogar zu betrügen, ist wiederum die andere Seite der Münze, sozusagen, eine menschliche im staatlichen. Das heißt aber gerade nicht, dass der Euro nicht attraktiv wäre, mal abgesehen von manchen Farben, die er trägt, sondern doch genau das Gegenteil, oder?

Kohl regiert nicht mehr. Schmidt schon noch, irgendwie, aber weil inzwischen ein neues Jahrhundert angebrochen ist, Jahrtausend sogar, man muss sich das mal vorstellen, und die Regierungschefs alle jünger werden, ist die Begeisterung für Europa nicht mehr so groß. Der Krieg liegt schon so lange zurück, dass ihn die, die jetzt von Amts wegen für Strategen zuständig sind, nur noch aus Büchern kennen und die Furcht vor seiner Wiederkehr für reichlich absurd halten. Darum werden bei den noch Jüngeren auch Stimmen laut, die meinen, in der Rückschau sei der Euro ein zu hoher Preis für die Einheit, damit habe man sich aber ganz schön was eingekauft, wie die Gegenwart zeige. Damit ist in Deutschland natürlich nicht die deutsche Einheit gemeint, die europäische aber schon, ein bisschen, weil man sich mehr noch nicht zu sagen traut, solange Wolfgang Schäuble da ist, der Finanzminister, der schon bei Kohl da war und seither „Architekt der Einheit“ heißt, und Jean-Claude Juncker, der christlich-soziale Luxemburger, den Kohl am liebsten adoptiert hätte, gewissermaßen, damit er Deutschland mit Europa vereinigt.

Dazu ist es nun ja nicht gekommen, zu dieser Adoption, zum anderen aber auch nicht so recht. Eher ist es so, dass sich Deutschland unter der Kohl-Enkelin Angela Merkel von Europa enteinigt, um es mal so zu sagen. Sich trennt wäre nämlich zu viel gesagt, sich abwendet auch. Aber Merkel – die interessanterweise von Schmidt ausdrücklich unter denen genannt wird, die kanzlerfähig sind – verhält sich mehr wie Maggie Thatcher denn wie Helmut Kohl. Die beiden konnten einander nie leiden, ob Schmidt auch deswegen Merkel gut findet? Gleichwohl, nein, gleichviel, Merkel will das gute deutsche Geld zusammenhalten, weil sie wohl findet, wir hätten schon genug für den Euro gezahlt. Diese Ansicht teilt sie, was wie eine Ironie der Geschichte klingt, mit Nicolas Sarkozy, der dasselbe für Frankreich findet. Aber bei dem käme auch niemand auf die Idee, ihn mit seinem Präsidenten-Vorvorvorgänger Giscard d’Estaing zu vergleichen. Oder auf die Idee, dass Giscard ihn für präsidentenfähig halten könnte. Sarkozy stimmt La Merkel zu, die eine deutsche, damit natürlich gemäßigte Maggie ist – ist das nicht wirklich ein bisschen komisch, wenigstens ironisch?

Unabhängig davon, dass man sich die Frage stellen kann, wohin die Briten ihre Antihaltung gebracht hat, wirtschaftlich und auch sonst, sogar Prinz Charles ist nicht mehr sicher, und er war zu Thatchers Zeiten nächtens unbehelligt im brennenden Brixton unterwegs, bleibt die große Frage: Hat die Bundeskanzlerin gleichwohl recht? Und wer sind hier die Pygmäen?  Etwa Juncker, der sagt, eine gemeinsame Währung sei Friedenspolitik mit anderen Mitteln? Juncker war europamäßig eigentlich auch schon immer da, mit immer neuen Plänen. Er war es, der 1996 den Kompromiss zwischen damals noch Bonn und Paris heraushandelte, ohne den es die Währungsunion vielleicht nicht gegeben hätte. Als ob Sarkozy und Merkel diesen Kompromiss aufkündigen wollten! Juncker denkt aber schon wieder weiter, sein Plan der Euro-Staatsanleihen soll Europa nicht nur über gemeinsame Schulden definieren, sondern über gemeinsame Vorstellungen zu Finanzen, Haushalten und Löhnen. So eine Art  Wirtschaftsregierung, könnte man sagen. Das hätte Schäuble jetzt auch sagen können. Oder Konrad Adenauer, mal so nebenbei. Das wollten schon einige große Europäer. Dabei ist Juncker noch gar nicht so alt, nur unwesentlich älter als Merkel. Und Schmidt hat über ihn gesagt, dass er Überblick in internationalen Fragen habe und ausreichend Urteilskraft. Über einen Christsozialen! Der Bundeskanzler hat gleichwohl recht. Hätte Kohl Juncker doch adoptiert. 

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