Kontrapunkt : "Edle Gefühle" für chilenische Bergleute

Globale Empathie ist oft nichts anderes als globale Schicksalsgier: Ein kleiner Nachtrag zu unserer Anteilnahme an der Rettung der 33 chilenischen Bergarbeiter.

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Als letzten der 33 verschütteten chilenischen Bergleute empfing Präsident Sebastian Pinera den Vorarbeiter Luis Urzua. Er wurde um kurz vor drei MESZ, 27 Stunden nach der Rettung des ersten Bergarbeiters, befreit. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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14.10.2010 08:26Als letzten der 33 verschütteten chilenischen Bergleute empfing Präsident Sebastian Pinera den Vorarbeiter Luis Urzua. Er wurde um...

Was macht einen Menschen gut? Sind es seine Gefühle oder seine Taten? Da ist in der vergangenen Woche einiges durcheinander geraten. Wir erinnern uns: In Chile wurden 33 Bergleute gerettet, die am 5. August verschüttet worden waren. Das Ereignis bewegte die Welt. Millionen Menschen rund um den Globus verfolgten die Bergungsaktion per Internet, Radio oder Fernsehen. Recht rasch indes wurde nicht allein die Rettung gepriesen, sondern auch das Mitfiebern der Unbeteiligten von der Fernsehcouch aus. Es zeuge von globaler Empathie, von Menschlichkeit und Moralität. Und da fängt die Sache an, fragwürdig zu werden.

Tiefe Gefühle verraten nur wenig über den Charakter eines Menschen. Ein Gulag-Aufseher kann tierlieb sein, ein Radovan Karadzic kinderlieb. Massenmörder können über Violinkonzerte weinen, Shakespeare bewundern, Mitleid empfinden, spendabel sein. Nein, edle Gefühle machen nicht edel. Gut wird der Mensch allein durch die Tat. Mitleid, das nicht zum Handeln motiviert, ist Gratismitleid. Liebe, die nicht zu Opfern bereit ist, ist Gratisliebe. Und zu Gratisgefühlen sind Menschen halt gern und oft bereit. Denn warum verschenkt jemand lieber sein ganzes Herz als sein ganzes Geld? Das Herz verschenkt er – und hat es noch. Aber das Geld ist futsch.

Schaulustige werden durch ein Ereignis gefesselt, in den Bann gezogen, erregt. Sie bleiben aber passiv. Deswegen nennt man sie Gaffer. Kein Grubenunglück in der Ukraine, Russland oder China, wo Hunderte unter Tag sterben, hat solche Schlagzeilen gemacht wie das „Wunder von Chile“. Kein Wunder: Hier war die mediale Zuwendung ungleich größer, außerdem hielt die Spannung länger an. In Afrika hungert jedes dritte Kind, in Simbabwe und Malawi sind rund 30 Prozent der Bewohner an Aids erkrankt. Das Pech nur: Als Narrativ für ein großes Drama, mit Katastrophenanfang und Happyend, taugen diese Schicksale nicht.

Der Philosoph Seneca schrieb in seiner Schrift „Über die Milde“: Der Weise … fühlt kein Mitleid, weil dies ohne Leiden der Seele nicht geschehen kann. Alles andere, das meiner Ansicht nach die Mitleidigen tun sollten, wird er gern und hochgemut tun: zu Hilfe kommen wird er fremden Tränen, aber sich ihnen nicht anschließen; reichen wird er die Hand dem Schiffbrüchigen, … dem Armen eine Spende gebe, aber nicht eine erniedrigende, wie sie der größere Teil der Menschen, die mitleidig erscheinen wollen, hinwirft und damit die verachtet, denen er hilft.“

Ein kühler Kopf hilft oft mehr als ein heißes Herz. Globale Empathie ist oft nichts anderes als globale Schicksalsgier: Die Tragödien anderer trösten uns über den tristen Alltag hinweg. Kein Einzelner kann mit jeder geschundenen Kreatur überall und jederzeit mitleiden. Das überfordert seinen Seelenhaushalt. Machen wir uns nichts vor: Die Rettung in Chile war spannend, und wir freuen uns von Herzen mit den Geretteten und ihren Familien. Aber unsere Anteilnahme moralisch zu überhöhen, als mache sie uns zu besseren Menschen, ist eine Verhöhnung derer, die sich tatsächlich aktiv um eine bessere Welt verdient machen.

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