Kontrapunkt : Einigkeit unter Drohnen

Die USA ringen mit sich selbst und ihrer Identität, die Fronten im Wahlkampf verhärten sich. Doch in der Außenpolitik sind beide Kandidaten sich einig: Sie sind "Bush light".

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Nichts gegen Drohnen: Außenpolitisch gibt es wenige Kontroversen im US-Wahlkampf. Dieses Bild einer US-Drohne stammt von 2010.
Nichts gegen Drohnen: Außenpolitisch gibt es wenige Kontroversen im US-Wahlkampf. Dieses Bild einer US-Drohne stammt von 2010.Foto: p-a

Amerika geht’s gut. Die Wirtschaft wächst jährlich um mehr als zwei Prozent. Die Arbeitskräfte sind jung (im Gegensatz zu Europa). Das Land hat die weltweit besten Universitäten, bringt die meisten Nobelpreisträger hervor, ist führend im Bereich Wissenschaft und Forschung. Zeichentrick, Animation und Internet kommen von dort, cineastisch setzt Hollywood immer noch Maßstäbe. Und bei Olympia gab’s wieder die meisten Gold-, Silber- und Bronzemedaillen.

Doch was ist mit China und dem Aufstieg anderer Mächte? Nun mal halblang. Die USA sind weiter die größte Wirtschaftsnation der Welt. Seit vier Jahrzehnten produziert das Land rund ein Viertel der Weltwirtschaft. Diese Zahl ist erstaunlich konstant geblieben. Der Aufstieg von China, Indien und anderen Nationen ging vor allem zulasten von Europa und Japan, wie Robert Kagan in seinem Aufsatz „Not Fade Away – The Myth of American Decline“ („The New Republic“, Januar 2012) nachwies.

Auch in militärischer Hinsicht führt Amerika mit riesigem Abstand. Es gibt jährlich mehr für seine Verteidigung aus – knapp 600 Milliarden Dollar, ohne Irak und ohne Afghanistan – als die anderen großen Nationen zusammen. Auf einen einzigen Flugzeugträger passen mehr Panzer, als so manches EU-Land in seiner ganzen Armee hat.

Natürlich ist da auch eine andere Seite. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 8,2 Prozent, die Geburtenrate ist rückläufig, die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Hinzu kommen die Dauererregungsthemen, zumindest aus europäischer Perspektive: Todesstrafe, Waffenbesitz, Umweltverschmutzung, Rassismus. Doch Trost finden viele Amerikaner in der Zuversicht, dass sie bald heimisches Öl und Gas in rauen Mengen fördern können. Schon jetzt sind die USA der weltgrößte Erdgasproduzent, beim Erdöl holen sie dank neuer Funde und Technologien enorm schnell auf. Immer mehr Experten bestreiten die Peak-oil-These, der zufolge das globale Ölfördermaximum bereits überschritten wurde.

Kein Wunder also, dass sich Barack Obama und Mitt Romney – abgesehen von der Wirtschaft-, Sozial-, Gesundheits- und Steuerpolitik – in zentralen außenpolitischen Punkten recht einig sind. Beide wollen die Truppen aus Afghanistan abziehen, kritische, nicht feindliche Distanz zu China halten, den Antiterrorkampf mit Guantanamo-Prozessen und globalem Drohneneinsatz führen, im Nahostkonflikt zwar vermitteln, aber ohne jenen diplomatischen Aufwand, den etwa ein Bill Clinton betrieben hatte. Im Atomstreit mit dem Iran schließen beide nichts aus und hoffen inständig auf die Wirkung der Sanktionen.

Eher pragmatisch war Obamas Reaktion auf den „arabischen Frühling“. Auch das hätte ein Präsident Romney kaum anders gemacht. Fast überall von Tunesien bis Ägypten wurden die säkularen Reformkräfte rasch marginalisiert, Islamisten sind an die Macht gekommen, unter die Rebellen, wie etwa in Syrien, mischen sich Al-Qaida-Einheiten. Eine klare politische, geschweige militärische Strategie hat es für Washington zu keiner Zeit gegeben. Womöglich unterscheidet sich demnächst ein Mohammed Mursi nur noch in der Beziehung von Hosni Mubarak, dass er gewählt wurde.

Die Eintracht zwischen Demokraten und Republikanern in der Außenpolitik ist bemerkenswert. Hatte Obama noch im Wahlkampf den Eindruck zu erwecken versucht, er werde mit vielen Entwicklungen, die sein Vorgänger, George W. Bush, eingeleitet hatte, radikal brechen, so titulieren ihn liberale Kritiker inzwischen als „Bush light“. Das zeigt aber vor allem, wie isoliert diese Kritiker sind. Denn ob Bush, Obama oder Romney: Amerikas Außenpolitik erklärt sich heute weniger aus der Ideologie des jeweiligen Präsidenten als aus nationalen Konstanten. Selbst Obamas Rede in Kairo an die muslimische Welt hätte ein Bush, wenn er es rhetorisch vermocht hätte, mit einer ähnlichen Botschaft halten können.

Romney vs. Obama: Die USA ringen mit sich selbst und ihrer Identität. Der Rest der Welt kann gespannt sein – und gelassen.

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