Kontrapunkt : Europa im Teufelskreis: Zu viele Schulden, zu wenige Kinder

Im Vergleich zu Amerika und China geht es Europa am dreckigsten, meint Malte Lehming. Zur hohen Staatsverschuldung kommen eine niedrige Geburtenrate und eine rasch alternde Bevölkerung. Ein Teufelskreis dreht sich, der jetzt in den Niederlanden sein jüngstes, aber sicher nicht letztes Opfer fand.

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Der niederländische Premier Mark Rutte (li.) hat Königin Beatrix um seine Entlassung gebeten.
Der niederländische Premier Mark Rutte (li.) hat Königin Beatrix um seine Entlassung gebeten.Foto: dapd

Und wieder kollabiert eine Regierung, weil sie sparen muss. Diesmal trifft es die Niederlande. Von Griechenland über Spanien bis Nordrhein-Westfalen herrscht überall dieselbe bittere Regel: Wer sparen will, verliert, weil die Wut über das Weniger größer ist als die Einsicht in die Notwendigkeit.

Hinzu kommen leicht aktivierbare Ressentiments. Solange Banken mit Steuergeldern saniert werden, während deren Manager Millionen-Boni erhalten, muss jede Regierung ihre Abwahl befürchten. Oder aber die Wähler wenden sich, wie gerade in Frankreich geschehen, in Scharen den links- und rechtsextremen Parteien zu.

Spare in der Zeit, dann hast du in der Not, sagt das Sprichwort. Spare in der Not, dann verlierst du alle Zeit, sagt die Realität.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat nun ein umfassendes Konjunkturprogramm als Ergänzung zum europäischen Fiskalpakt gefordert. „Wenn wir die Wachstums- und Beschäftigungsfragen mit so etwas wie einem zweiten Marshallplan für Südeuropa angehen, dann haben wir die große Chance, aus der europäischen Krise herauszukommen“, sagte er. Mehr investieren statt sparen will auch der französische Sozialist François Hollande.

In der Tat lehrt die Erfahrung, dass sich Schulden durch Haushaltskürzungen nicht tilgen lassen, wenn gleichzeitig ganze Wirtschaftszweige zusammenbrechen. Das Problem ist nur: Wer dringend sparen muss, aber zusätzlich milliardenschwere Konjunkturprogramme auflegt, vergrößert die Schuldenlast und beschleunigt die Schuldenspirale.

Vollends depressiv kann werden, wer die europäische Malaise im globalen Maßstab betrachtet. Denn im Dreigestirn Europa, USA, China hat der Alte Kontinent die schlechtesten Karten. Einen gigantischen Schuldenberg schleppt auch Amerika mit sich herum. Aber die Bevölkerung dort wächst um etwa 30 Prozent in den kommenden Jahrzehnten, die Geburtenrate liegt bei 2,08. China hingegen drückt zwar keine große Schuldenlast, aber das Land altert rapide schnell. Billige, junge Arbeitskräfte sind bald Mangelware. In Städten wie Schanghai wird bereits im Jahre 2020 mehr als ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein. „China will grow old before it gets rich“, prognostiziert der „Economist“.

Allein in Europa (plus Japan allerdings) addieren sich beide Probleme – und potenzieren dadurch ihre negative Wirkung. Zur Schuldenlast und den Ausgaben für ein üppiges soziales Netz gesellt sich eine schrumpfende, vergreisende Gesellschaft, die kaum noch in der Lage ist, ausreichend Wachstum zu erzeugen. Es gibt immer mehr Rentner und immer weniger Kinder. Vor einem halben Jahrhundert lebten doppelt so viele Amerikaner wie West-Europäer. In 40 Jahren dürfte das Verhältnis umgekehrt sein. Das Durchschnittsalter der Amerikaner wird dann bei rund 40 Jahren liegen, das der Europäer und Chinesen bei etwa 50.

Eine junge Gesellschaft hat hohe Bildungs-, aber niedrige Arbeitsplatzkosten, der Unternehmergeist ist wach, die Risikobereitschaft groß. Eine alte Gesellschaft hat zwar niedrige Bildungskosten, sie muss aber enorm hohe Gesundheits- und Rentenausgaben leisten. Man scheut Risiken und ist weniger innovativ.

Unter dem Strich ist eine junge Gesellschaft wesentlich billiger als eine alte Gesellschaft. Sie produziert Wachstum statt Bedürftigkeit. Außerdem ist sie attraktiver für jene jungen Fachkräfte, die allerorten demnächst händeringend gesucht werden.

Je miserabler die Wirtschaft, desto mehr Menschen hängen vom Staat und dessen Subventionen ab. Je älter die Menschen, desto mehr kosten sie den Staat. Je mehr Menschen insgesamt vom Staat abhängen, desto geringer ist ihre Bereitschaft zu Reformen. Aus Angst vor der Operation entscheiden sie sich dafür, immer kränker zu werden: Das ist Europas Teufelskreis. Deutschland bildet in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme. Aber gerade deshalb gilt: Wenn’s dir gut geht, sollst du sparen und reformieren. In der Not herrscht nur die Not.

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