Kontrapunkt : Fall Boetticher: Liebe kann nicht Sünde sein

Christian von Boetticher trat wegen der Beziehung zu einer 16-Jährigen zurück. Warum? Unsere Gesellschaft ist seltsam, meint Malte Lehming. Sie verzeiht den Betrügern und bestraft die Liebenden.

von
Christian von Boetticher
Christian von BoetticherFoto: dpa

Das deutsche Ideal der Liebe mündet in die Vernunftehe. Er ist 33, sie 29, beide sind beruflich schon etwas abgesichert, sie lernen sich über eine Partnerschaftsvermittlung kennen, bei der sich ein hohes Maß an Gemeinsamkeit herausstellt. Herkunft und Bildungsstand sind ähnlich, sie haben viele gemeinsame Interessen. Jeder Pott findet seinen Deckel.

Wer gegen dieses Ideal verstößt, gilt als irrationaler Romantiker, dessen Beziehungen immer wieder scheitern werden. Dass Liebe auch auf das ganz Andere gerichtet sein kann, das Rätselhafte, das angeblich Unerreichbare, auf die Überwindung von Standes- und Altersunterschied, dass sich in der Liebe das objektiv Falsche in das subjektiv Richtige verwandelt – das gilt den Vernünftigen als Torheit. Ja, sie nehmen es gar als Bedrohung wahr. Denn die Vernunftehe hat vor allem einen Feind: die rebellische Liebe. Liebe von freien Menschen freilich ist nie unmoralisch, unmoralisch indes ist stets der Betrug.

Vor diesem Hintergrund ist es zwar nicht seltsam, aber ein ethisches Armutszeugnis unserer Gesellschaft, dass sie den Betrügern eher verzeiht als den Liebenden. Horst Seehofer hatte eine außereheliche Beziehung zu einer Bundestagsmitarbeiterin (Ehebetrug plus Ausnutzung des politischen Machtverhältnisses), inklusive außerehelicher Vaterschaft. Schwamm drüber. EU-Kommissar Günter Verheugen hinterging nach 20 Jahren Ehe seine Frau mit der Kabinettschefin (siehe oben). Schwamm drüber. Woody Allens Beziehung zu Mia Farrow zerbrach, nachdem der Regisseur ein Verhältnis mit Farrows Adoptivtochter (Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses), Soon-Yi Previn, zugeben musste; später heirateten Allen und Previn. Schwamm drüber.

Wenn es stimmt, was der am Sonntagabend zurückgetretene Spitzenkandidat der CDU in Schleswig-Holstein, Christian von Boetticher, über seine Beziehung im Frühjahr 2010 zu der damals 16-jährigen Frau aus Nordrhein-Westfalen erzählte, dann war es eine freie Liebe von zwei freien Menschen (Boetticher: Ich habe damals keine Beziehung zu einer anderen Frau unterhalten. Deshalb war es auch keine Affäre. Es war schlichtweg Liebe. – Die heute 17-Jährige: Es war Liebe. Ich kann bis heute nichts Schlechtes über Christian sagen). Weder wurde eine Zwangslage ausgenutzt, noch Geld gezahlt, weder wurde ein Abhängigkeits- noch ein Arbeitsverhältnis missbraucht.

Nun mögen Liebende manchmal Deppen sein und in Gefühlsdingen "unreif", wie es in der Sprache der "Gefühlsreifen" heißt. Aber im Unterschied zu den Seehofers, Verheugens und Allens haben diese Zwei offenbar keinen Verrat begangen, kein Wort gebrochen, kein Leid verursacht (sollte es stimmen, dass von Boetticher zeitgleich doch fest gebunden war, stellt sich die Sache natürlich anders dar). Man kann den Rücktritt von Boettichers verstehen, politisch war der „konservative Erneuerer“ wohl nicht zu halten. Aber der moralische Druck, der auf ihn erzeugt wurde, kündet erstens von Scheinheiligkeit und zweitens vom Unvermögen (leider auch von Konservativen), sich Liebe in Deutschland anders vorstellen zu können als Gefühlskumpanei nach dem Motto: Gleich und gleich gesellt sich gern.

Autor

153 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben