Kontrapunkt : Grüne suchen nach dem Stimmenfischer

Man denke nur: Die Grünen plakatieren einen Spitzenkandidaten, einen explizit für das Amt des Bundeskanzlers. Das ist keine Illusion, so sehr hat sich Deutschland verändert. Doch wen könnte die Partei aufstellen?

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Özdemir, Künast, Trittin, Roth - oder doch Joschka Fischer? Die Kür eines grünen Kanzlerkandidaten ist nicht mehr unwahrscheinlich, so sehr hat sich Deutschland verändert.
Özdemir, Künast, Trittin, Roth - oder doch Joschka Fischer? Die Kür eines grünen Kanzlerkandidaten ist nicht mehr...Foto: dpa

Jetzt schlägt’s aber bald 13. Da können die Grünen, die in Meinungsumfragen bundesweit vor der SPD liegen und demnächst auch vor der CDU liegen werden - nur der CDU wohlgemerkt, weil die ja sonst immer mit der CSU zusammen die Union bildet und deshalb besser dasteht – und dann denken sie noch nicht über einen Kanzlerkandidaten nach? Wären die Grünen die FDP, dann wären sie schon mitten drin in der Debatte. Jürgen Möllemann – oje, oje, genau der – hatte doch weiland Guido Westerwelle genau dort hingetrieben, und damit nicht etwa Möllemann sich anheischig machte, der Kandidat zu werden, nahm Westerwelle die Herausforderung an, um es mal so auszudrücken, und ward gesehen mit der gelben 18 auf der Schuhsohle. Damals hatte die FDP bei weitem keine 18, sondern bestenfalls 13 Prozent.

Das ist bei den Grünen inzwischen anders, und zwar durch die Bank bei allen Meinungsforschungsinstituten, von Forsa bis Emnid. Und selbst wenn man eine Fehlermarge von drei bis fünf Prozent ansetzt, ist der Trend so. Mit anderen Worten: Das Ergebnis ist stabil, was ja auch in Berlin Renate Künast zu schönsten Blütenträumen veranlasst. Womit sie natürlich ausfällt als Kanzlerkandidatin, denn sie könnte nicht im September als Regierende Bürgermeisterin gewählt werden, um dann wenig später das Rote Rathaus Richtung Bundeswaschmaschine verlassen, sprich ins Kanzleramt einziehen. Sie würde sich das eine wie das andere Amt sicher zutrauen, keine Frage, aber wahrscheinlich zögen doch die Bürger/Wähler ihre Glaubwürdigkeit in Frage und fänden das in der Mehrheit wohl nicht so gut. Ein bisschen Beständigkeit, das lehrt auch gerade Baden-Württemberg in allen seinen Facetten, soll schon sein. Mehr Kretschmann, weniger – ja, wovon  weniger?

Vielleicht von der landläufigen Vorstellung, dass es, wenn, einer derjenigen machen muss, die jetzt in der ersten Reihe stehen. Die verbrauchen sie aber schon genug. Claudia Roth geht nicht, das würden die Grünen selbst nicht wollen, Cem Özdemir geht auch nicht, weil den schon seine Schwaben nicht recht wollten, Künast geht aus besagten Gründen nicht. Jürgen Trittin ginge – aber ist der Sympathieträger genug? Nur weil er jetzt dreiteilige Anzüge mit Krawatte trägt, heißt das noch nicht, dass er in der eigenen Partei unumstritten wäre, noch dass die Bundesbürger ihn für ausreichend kanzlerabel hielten. Als Umweltminister ist er außerdem nicht so im kollektiven Gedächtnis geblieben, wie er sich das gewünscht hätte und wie es für ihn jetzt, bei einem weitergehenden Wunsch, wohl nötig wäre. Obwohl die Kanzlerin, die amtierende, auch einmal Umweltministerin war, und SPD-Chef Sigmar Gabriel

ebenso.

Es war allerdings auch ein Herr namens Joseph Martin Fischer Umweltminister, in Hessen, seinerzeit der erste westdeutsche Grüne in einem solchen Amt, vor vielen, vielen Jahren. Und an seiner Seite regierte der heute regierende Herr Kretschmann mit. Nun heißt es allenthalben, die Grünen würden Fischer nicht wollen, weil sie nicht schon wieder so ein Alphatier aushalten, einen Leitwolf, ein alten. Gar so alt ist Fischer nicht, das zum einen, auch nicht älter als Kretschmann oder als Peer Steinbrück, der als SPD-Kandidat immer mehr ins Gespräch kommt. Dann hat er zum anderen aber als Außenminister in heißen Situationen eine gute Figur gemacht, vor allem beim bis zum Fall Libyen einzigen Mal, dass sich die Deutschen nicht an die Seite der USA gestellt haben. Aber das gilt auch für die Zeit nach seinen Ministerjahren. Er gilt als Fachmann, seither und immer noch, mit klaren Kompass und Ideen. Innenpolitisch war er auch immer, vernehmlich und führend. (Wahrscheinlich hat Westerwelle sich inzwischen heimlich Fischer zum Vorbild genommen, um im Außenamt ohne Parteiamt zu überleben. Und Trittin auch, der sich ja auch schon länger in der Außenpolitik betätigt.)

Wenn nur Fischer, der alte Wolf, nicht immer nach Seiten schnappen würde. Anstatt einfach abzuwarten, was die Zukunft bringt, sich nicht mit kritischen Äußerungen an die Adresse seiner Partei hervorzutun, sondern mit konstruktiven – nein, er lässt das Zausen nicht. Das macht ihn einerseits beliebt, nur eben vornehmlich beim politischen Gegner, andererseits halt unbeliebt. Da wird sich ein Trittin schon fragen, warum er sich immer viel besser anstellen muss, um einen solchen Bonus wie der Joschka zu genießen. Tatsache aber ist, dass der in Umfragen trotz allem vor Trittin liegt, wenn es um einen grünen Kanzlerkandidaten geht. Vorstellbar wäre er ja auch. Madeleine Albright, unvergessene US-Außenministerin, hat ihn immer schon für seine Art Kanzler gehalten. Anders gesagt: Er war der Vizekanzler, den man sich auch als Kanzler vorstellen konnte, nicht nur der Glockenschwinger im Kabinett für einen Tag.

Ja, man denke nur: Die Grünen plakatieren einen Spitzenkandidaten, einen explizit für das Amt des Bundeskanzlers. Und das ist real, ist möglich, keine Illusion. So weit hat es die Bundeskanzlerin mit ihrer Politik gebracht. Von ihrem Vize zu schweigen. So sehr hat sich Deutschland verändert. Bald schlägt’s 13.

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