Kontrapunkt : Hellersdorf kann die Welcome-Pakete schon vorbereiten

Gibt es ein Recht auf Wohnen am Hackeschen Markt, ist das Leben nur menschenwürdig, wenn vorm Wohnzimmerfenster der Kurfürstendamm rauscht? Diese Frage muss man schließlich noch stellen dürfen. Ein Kontrapunkt.

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Die Choriner Höfe, die derzeit in der Zehdenicker Straße auf der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Mitte entstehen, sind nur eines von vielen Bauvorhaben in Berlin, bei denen die Investoren auf zahlungskräftige Klientel setzen. Foto: Alle Bilder anzeigen
23.03.2011 15:59Die Choriner Höfe, die derzeit in der Zehdenicker Straße auf der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Mitte entstehen, sind nur...

Thilo Sarrazin, der Prophet der künftigen Berliner Banlieues? Erst lässt er Deutschland sich abschaffen und nun die billigen Mieten. Es ist keine Beleidigung, in Hellersdorf zu wohnen, entgegnet der Prophet all jenen, die vor steigenden Mieten in der Innenstadt und der Verdrängung von gering verdienenden Familien warnen. Der Mann, der als Berliner Finanzsenator die defizitären landeseigenen Wohnungsbauunternehmen zur Sanierung ihrer Finanzen und zum Schuldenabbau zwang, ist eben ein sozialdemokratischer Darwinist.

Nur leider gibt es nicht so viele Wohnungen am Hackeschen Markt wie Interessenten: Und wo der Nachfragedruck wächst, da steigen eben die Mieten. Dazu muss man nicht mal Physiker sein, das kann man auch Marktwirtschaft nennen. Und alle, die am begehrten Ort preislich nicht mithalten können, müssen sich in die zweitbeste Lösung finden.

Also, ab an den Stadtrand. Selbst die Türken ziehen nun schon aus Kreuzberg weg; ihr Anteil unter den Ausländern sank von 70 Prozent auf nur noch 45 Prozent, weil es dort zu teuer wird. Der Berliner Mietspiegel nennt noch einen Durchschnittspreis von 4,80 Euro pro Quadratmeter, doch davon darf jeder nur noch träumen, der eine neue Wohnung sucht. Acht Euro ist da realistischer – Anpassung an normale Marktverhältnisse nennt das Thilo Sarrazin.

Da ist der SPD-Nestbeschmutzer ausnahmsweise auch mal nah am Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, der steigende Mieten kürzlich als Beleg dafür nannte, dass es mit Berlin aufwärts geht. Recht hat er. Pech bloß, dass die bessere Wirtschaftsentwicklung noch nicht in den Geldbeuteln der Berliner angekommen ist.

War da nicht was? War sozialdemokratische Wohnungspolitik nicht jahrzehntelang darauf ausgerichtet, auch Geringverdienern ein bezahlbares Dach zu verschaffen? Es kann dem rot-roten Senat auch nicht egal sein, ob im Stadtzentrum irgendwann die selbe öde Leere herrscht wie in den Zentren von London oder Paris.

Die Instrumente sind vorhanden, werden aber nur teilweise genutzt: Wie in Hamburg könnte die Berliner Landesregierung die Umwandlung in Eigentumswohnungen untersagen oder für das Zentrum generell eine siebenjährige Sperrfrist für Kündigungen nach Wohnungsverkäufen verhängen.

Das könnte die Entwicklung bremsen, und die Ängste der Menschen dämpfen, die fürchten, bald ihre Miete nicht mehr zahlen zu können und aus dem eigenen Kiez verdrängt zu werden. Gänzlich verhindern aber kann niemand die Entwicklung; selbst mit Gestaltungssatzungen, Quartiersmanagement oder Sanierungsverordnungen nicht.

Um so wichtiger werden die 270.000 landeseigenen Berliner Sozialbauwohnungen als dämpfendes Element. Noch aber kann sich kaum jemand eine Sozialwohnung leisten, der die Miete nicht sowieso vom Staat bezahlt bekommt: Die sind nämlich teurer als im freien Wohnungsbau. Thilo Sarrazin hat nichts dagegen; er warnt vor einer Mietenbegrenzung für die landeseigenen Unternehmen und fordert, diese müssten „selbstständig wirtschaften können“.

Die Mieten zu dämpfen mit diesen Gesellschaften, genau dies aber hat Klaus Wowereit angekündigt. Schließlich ist Wahlkampfjahr und kann das Land in den Gesellschaften bestimmen. Der Senat müsste damit bloß anfangen. Bisher aber verzichtet er nicht einmal auf die jährliche Gewinnabgabe der Wohnungsbaugesellschaften. Deswegen kann Hellersdorf schon mal Welcome-Pakete für Zuzügler vorbereiten – oder sich beleidigt fühlen von Thilo Sarrazin. 

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