Kontrapunkt : Integration: Nichts für Pfeifen

Wie konnten die deutschtürkischen Fans Mesut Özil nur so gnadenlos auspfeifen! Besteht da etwa ein "Toleranzgefälle"? Alles Quatsch. Man kann die Integrationsdebatte auch ad absurdum führen. Ein Kommentar.

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Mesut Özil freute sich nach seinem Tor gegen die Türkei auf die stille Art.
Mesut Özil freute sich nach seinem Tor gegen die Türkei auf die stille Art.Foto: AFP

In der Integrationsdebatte wird nahezu täglich Widersprüchliches, Kurioses, Skurriles und Absurdes behauptet. Das meiste davon ist zu recht bald wieder vergessen; anderes nicht. So wird Angela Merkels Verdikt, Thilo Sarrazins Äußerungen seien überhaupt nicht hilfreich, um bei der Integration voranzukommen, die erste Aufregung ziemlich sicher überdauern.

Überhaupt nicht hilfreich in diesem Sinne waren auch Merkels Äußerungen zur Stellungnahme des großen deutschen Kulturphilosophen Horst Seehofer, der erklärt hatte, mehr türkische und arabische Migranten würden hier nicht gebraucht. Merkel versuchte sich an einer wohlwollenden Interpretation und wies darauf hin, Seehofers Bemerkung sei doch lediglich auf Fachkräfte zugeschnitten gewesen; diesen Bedarf an Arbeitskräften möge die Wirtschaft doch bitte "aus der Vielzahl von arbeitsfähigen, aber leider langzeitarbeitslosen Menschen in Deutschland" decken. Sollte es tatsächlich ein Land auf dieser Erde geben, das seine gut ausgebildeten Ingenieure zu Zehntausenden jahrelang vergeblich in die Arbeitsagentur zwingt und dann mit weniger als fünf Euro pro Tag fürs Essen abspeist, dann gehörte die Kanzlerin dieses Landes ausgewiesen, jedenfalls aus dem Kanzleramt.

Dagegen leider etwas untergegangen ist die spitzfindige Beobachtung eines Zeitungsredakteurs, das Länderspiel Deutschland gegen die Türkei habe ein "Toleranzgefälle" zwischen Deutschen und Deutschtürken offenbart. Während es nämlich die einen, die Deutschen, generös hinnehmen würden, dass einige Nationalspieler der Türkei von der Jugendförderung deutscher Vereine profitierten und dennoch auf dem Feld für das Land ihrer Väter und Mütter gegen diejenigen kämpften, denen sie so viel zu verdanken hätten, seien die anderen, die Deutschtürken, gnadenlos über den in Deutschland geborenen Mesut Özil hergefallen, nur weil der eben nicht für das Land seiner Väter und Mütter spielt. Ein Ärgernis seien die Pfiffe gegen Özil; dieses "offensichtliche Toleranzgefälle" zeige, wie wenig diese deutschtürkischen Fans in unserer Gesellschaft angekommen sind.

Ein großes, ein mutiges Wort, ausgesprochen auf einer Erkenntnisbasis, die so dünn ist wie eine Schicht Blätterteig. Denn eigentlich zeigt die Behauptung eines Toleranzgefälles auf der Grundlage dieses Spiels nur, wie wenig der Autor derselben in unseren Stadien angekommen ist. Nicht einmal in dem einen, dem Olympiastadion, wo sich die angeblich integrationsverweigernde Pfeiferei zugetragen hat, scheint er gewesen zu sein. Denn wenn es so ist, wie behauptet, dass also das Fanverhalten Rückschlüsse zulässt auf das Verhältnis von Mehrheitsgesellschaft und Migranten, wie sind dann die Rufe der Minderheit im Stadion, also der Deutschen, zu verstehen? "Ihr könnt nach Hause fahr'n!", riefen sie in der zweiten Halbzeit, als das Spiel entschieden war, den türkischstämmigen Deutschen aus Neukölln und Kreuzberg zu, "ihr könnt nach Hause fahr'n!". Alles Anhänger von "Ausländer raus!" und "Abschieben, aber sofort!", alles Rechtsradikale im Krieg der Kulturen, ausgetragen auf dem Schlachtfeld der Moderne?

Alles Quatsch. Jedes Wochenende geht es so zu, neunzig Minuten lang, da werden Vereinswechsler verflucht, der unterlegene Gegner wird verhöhnt, und dann ist wieder gut. Wir nennen es Fußball, ein Spiel, bei dem es darum geht, das Tor zu treffen, nicht ein Tor zu sein.

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