Kontrapunkt : Irrtum in der Energiepolitik

Am Tag der Bundestag-Entscheidung über die Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke stattet Greenpeace der CDU in ihrer Zentrale in Berlin einen Besuch ab. Eine Fotoreportage. Foto: dpa
Am Tag der Bundestag-Entscheidung über die Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke stattet Greenpeace der CDU in ihrer Zentrale in Berlin einen Besuch ab. Eine Fotoreportage. - Foto: dpa

Greenpeace wähnt sich in Sachen Atomkraft auf der Seite der Mehrheit der Menschen. Chefredakteur Lorenz Maroldt gibt im heutigen "Kontrapunkt" Hinweise darauf, dass dieser Ansicht die Kernschmelze droht.

Die Entscheidung der Bundesregierung, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern, gilt gemeinhin als unpopulär, manche nennen sie deshalb sogar mutig. Diesem Gefühl geben sich offenbar auch die Aktivisten von Greenpeace hin, die am Donnerstag das Dach der CDU-Zentrale besetzten und dort ein Protestplakat entrollten, sich also gewissermaßen technisch überholter Demonstrationstechniken mit extrem geringer Halbwertzeit bedienten - das Banner war schon bald wieder weg. Greenpeace wähnt sich ohnehin auf der Seite der Mehrheit der Menschen. Doch es gibt starke Hinweise darauf, dass dieser Ansicht die Kernschmelze droht: Die meisten Menschen haben eigentlich gar nichts gegen Atomkraftwerke; viele denken aber, dass die meisten Menschen etwas gegen Atomkraftwerke hätten.

So wähnt sich die Mehrheit womöglich in der Minderheit. Nicht der einzige Irrtum in der Energiepolitik.

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat nach der Haltung der Deutschen zur Atomkraft gefragt. Die Ergebnisse sind verblüffend.

So sagen 70 Prozent der Befragten, dass sie nicht glauben, dass der Energiebedarf in absehbarer Zeit durch erneuerbare Energien gedeckt werden kann. Und wie viele Anhänger der Grünen sind dieser Meinung? Mehr als die Hälfte, 57 Prozent.

Vor fünf Jahren war gut die Hälfte der Befragten der Meinung, dass auf Kernenergie nicht verzichtet werden kann. Heute glauben dies mehr als 80 Prozent, lediglich 17 Prozent denken, dass dies möglich ist. Wenig überraschend sind die Anhänger von Union und FDP nahezu geschlossen dieser Meinung, aber auch die Anhängern von SPD und Linkspartei sind zu 80 Prozent skeptisch, dass es ohne Atomkraftwerke geht. Und bei den Grünen? 60 Prozent sagen: Ganz ohne Atomkraft geht es nicht.

Von allen Befragten glaubt fast die Hälfte, dass die meisten Bürger die Nutzung von Kernenergie ablehnt. Nach ihrer persönlichen Haltung befragt, sagen aber nur 20 Prozent: Atomkraft, nein danke. Fast 80 Prozent können mit der Kernkraft leben – jedenfalls solange kein Reaktor in ihrer Nähe durchbrennt.

Drei Viertel der Befragten gehen ohnehin davon aus, dass es bei der ganzen Diskussion um Atomkraftwerke nicht um die beste Lösung der Energieversorgung geht, sondern vor allem um ideologische Positionen. Die lassen sich zwar verheizen, dann sind sie aber auch nicht mehr nachhaltiger als eine Dachbesetzung von Greenpeace.

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