Kontrapunkt : Kandidat Steinbrück wäre Gabriels Sieg

Die SPD sucht den Weg zur Macht, und zwar über die FDP. Wenn Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat antreten sollte, dann wäre das ein Sieg - für Parteichef Sigmar Gabriel.

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Wer kann Kanzler? Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel oder Peer Steinbrück?
Wer kann Kanzler? Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel oder Peer Steinbrück?Foto: dapd

Gegenwärtig findet eine Revolution statt. Jawohl, eine Revolution. Und das nicht mal im Stillen. Sondern öffentlich! Unter unser aller Augen: Die Sozialdemokraten schreiten Seit’ an Seit’, in Gestalt zuvörderst ihrer Kanzlerkandidaten, auf zukünftige Partner zu – und kein Genosse meckert. Wenn das keine Revolution ist. Vergleichbar nur noch mit der unter Oskar Lafontaine bis 1998, als der die SPD hin- und aufstellte für den Wahlsieg gegen Kanzler Helmut Kohl.

Apropos: Spätere Ähnlichkeiten sind nicht ausgeschlossen. Bis auf eine: Sigmar Gabriel, der heute die SPD führt und sich eine ähnliche Strategie wie Lafontaine zurechtgelegt hat, will in keinem Fall den Lafontaine geben. Das heißt, er will im Gegenteil der „gute Lafontaine“ werden, also derjenige sein, der sie in die Regierung zurückbringt, aber nicht der, der sie nachher beleidigt verlässt. Gabriel hat sich sichtbar und hörbar darangemacht, die Themen für den Wahlkampf zu definieren, ob jetzt zu Anfang „Brecht die Macht der Banken“ oder das „neue Europa“, ein wenig später das Innenpolitische. Und wem trauen die Menschen dann am ehesten zu, der Banken Herr zu werden? Wer kann außerdem Europa sowohl finanzpolitisch als auch in internationalen Zusammenhängen rückwärts und vorwärts buchstabieren? Wer hat da den meisten Sachverstand? Ein genauer Blick auf die Themen, und es zeigt sich, auf wen die Themenwahl zuläuft: nein, nicht auf Gabriel, nicht auf Frank-Walter Steinmeier – auf Peer Steinbrück.

Gabriel nimmt sich allerdings das Recht heraus, das er sich an der Spitze der SPD erarbeitet hat. Erarbeitet, weil er sie revitalisiert hat, weil er sie zu renovieren versucht und zu mobilisieren versteht. Das Recht ist ihm inzwischen auch schon ausdrücklich zugestanden worden, interessanterweise, pikanterweise als Erstes vom früheren Kanzler Gerhard Schröder, der 1998 am allermeisten von Oskar Lafontaines Parteiführung und Verzicht auf eine eigene Spitzenkandidatur profitiert hatte.

Da verwundert es nicht, dass Schröder wie auch Helmut Schmidt – der Gabriel ebenfalls bereits belobigt hat – Steinbrück für den Geeignetsten in der Troika halten. Denn nur mit Gabriel als unangefochtenem Chef mit Autorität ist Steinbrück als Kandidat in der Sozialdemokratie durchzusetzen. In der Gesellschaft ist er das ohnehin schon, aber die stellt ihn nicht auf. Ein Gabriel mit Autorität ist auch deshalb nötig, weil die SPD niemals alleine regieren kann; sie benötigte 2013, wenn, dann nach heutigem Stand zwei Partner.

Der SPD-Chef ist nun dafür zuständig, die Grünen zu binden, und wie sich nicht erst an der Reaktion der Grünen-Chefin Claudia Roth auf seinen jüngsten Europa-Vorstoß zeigt, gelingt das. Steinbrück – und auch Steinmeier – können die SPD zur FDP hin öffnen, ihre politischen Positionen geben das gut her. Auf deren Seite steht dann Christian Lindner, NRW- Landeschef der FDP und Bundesparteichef im Wartestand. Er macht hin und wieder schon Lockerungsübungen wie weiland die „Jungtürken“, die die FDP vor Jahrzehnten über Nordrhein-Westfalen näher an die SPD heranbrachten. Vom Norden kommen außerdem freundliche Töne, und zwar von Wolfgang Kubicki, was insofern von Bedeutung ist, als er Lindner den Weg zum FDP-Bundesparteivorsitz öffnen wird und er auch noch Steinbrück aus Kiel kennt, wo der früher einmal Minister war. Ein Letztes dazu: Steinbrück wohnt in Bonn, wie ein enger Vertrauter von Lindner, Ex-Ministerpräsident und Ex-SPD-Bundesvize Wolfgang Clement. Ja, und Clement mag Steinbrück.

Die Revolution ist im Gange. Sie nähert sich nicht auf direktem Weg Berlin, aber jeder Schritt ist sichtbar, hörbar. Wenn zum Wahljahresanfang ohne Streit oder Beleidigtsein der Kanzlerkandidat gekürt worden sein sollte, dann wäre das, unabhängig vom Kandidaten, der erste Sieg der SPD – über sich selbst. Und wenn Steinbrück dieser Kandidat sein sollte, dann wäre das ein Sieg für Gabriel. Über die SPD. Und für sich. Er wäre immer noch jung genug, später selbst Kanzler zu werden.

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