Kontrapunkt : Klaus Wowereit ist der Berlin-Versteher

Klaus Wowereit klebt an Berlin wie die Klette am Filz, sagt Malte Lehming. Daran ist aber weder die Klette schuld noch der Filz. Denn jeder kriegt, was er verdient.

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Das machen Politiker in Wahlkampfzeiten gern: mit Tierbabys knuddeln. Klaus Wowereit hat sich im Tierpark Friedrichsfelde ein chinesisches Maskenschwein geschnappt.Weitere Bilder anzeigen
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24.08.2011 16:05Das machen Politiker in Wahlkampfzeiten gern: mit Tierbabys knuddeln. Klaus Wowereit hat sich im Tierpark Friedrichsfelde ein...

Klaus Wowereit versteht Berlin. Er ist der Richard David Precht der deutschen Hauptstadt. Er weiß, dass die Stadt mental noch geteilt ist, weshalb manchmal der Westen gequält werden muss (Schließung von Tempelhof und Tegel, Verhausschweinung des Bahnhofs Zoo) und manchmal der Osten (Flugrouten von BBI über’n Müggelsee). Das muss natürlich öffentlich gemacht werden, damit die Ossis wissen, wie die Wessis leiden - und umgekehrt.

Außerdem weiß Wowereit, dass die Stadt seit der Wiedervereinigung noch areligiöser und staatsfixierter geworden ist, als sie ohnehin schon war, weshalb der erfolgreiche Kampf gegen ein Wahlpflichtfach Religion wie ein Sieg über potenzielle Hexenverbrenner gefeiert und das regelmäßige Betteln um Bundeshilfen (Stadtstaatenprivileg, Länderfinanzausgleich) als historisches Recht auf immerwährende Subventionen wahrgenommen wird. Demonstrativ bleibt er der Amtseinführung des neuen Erzbischofs, Rainer Maria Woelki, fern und äußert „großes Verständnis“ (Verständnis allein wäre zu wenig gewesen) für Menschen, die gegen den Berlin-Besuch von Papst Benedikt XVI. demonstrieren wollen.

Ja, Klaus Wowereit versteht Berlin. Er weiß, dass es der fatalistischen Grundstimmung entspricht, für jedes Chaos und Verbrechen (Autoabfackelei, S-Bahn, Schnee und Glatteis) entweder die widrigen Umstände anzuführen oder es zu bagatellisieren („Wir sind hier in Berlin, nicht in Haiti“) oder aber die sensationslüsternen Medien für die Aufbauschung verantwortlich zu machen.

Außerdem weiß Wowereit, dass man die Eltern von Schulkindern nur lange und oft genug mit Reformen martern muss, damit sie am Ende entnervt aufgeben und nur noch einen Wunsch haben: Nie wieder möge irgendein Bildungssenator irgendetwas ändern! Lasst uns Jül, die 12 Jahre bis zum Abitur, das Losverfahren und die soziale Durchmischung, bloß nehmt die Finger weg von künftigen Experimenten! (Deshalb treibt dem Regierenden das Versprechen der Opposition, die Schulpolitik erneut reformieren zu wollen, damit sich etwas bessert, eher Stimmen zu.)

Ja, Klaus Wowereit versteht eben Berlin. Er weiß, dass die Menschen der Stadt nicht nur im Bildungsbereich mit Reformen und Revolutionen überschüttet wurden, weshalb sie in einem Maße veränderungsavers geworden sind wie allenfalls noch der Klerus im Vatikan. Wiedervereinigung, Privatisierungen, Hauptstadtwerdung, steigende Mieten, Zuzüge, Zoo, Tempelhof, Tegel: Nun ist endlich mal Schluss mit neu und anders! Deshalb will Wowereit auch gar nichts neu und anders machen, seine Visionen beschränken sich auf die möglichst reibungslose Umsetzung vorliegender Beschlüsse (Flughafen, A 100).

Warum Berlin bekommt, was es verdient, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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