Kontrapunkt : Lehren aus 2010 - die Zehn Gebote für Journalisten

So kurz vor Weihnachten und dem neuen Jahr soll man an die Botschaft der Bibel denken und auch ein paar gute Vorsätze fassen. Malte Lehming stellt im "Kontrapunkt" zehn Gebote für den eigenen Berufsstand vor.

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Malte Lehming spricht sich für eine Gleichbehandlung aus.
Malte Lehming spricht sich für eine Gleichbehandlung aus.Foto: dpa

Was liegt in der besinnlichen Weihnachtszeit näher, als aus zum Teil aktuellem Anlass zehn Gebote für den eigenen Berufsstand zu formulieren? Zehn Lehren, die wir als Journalisten aus dem vergangenen Jahr ziehen können. Hier sind sie:

1.    Wer im Namen der Meinungsfreiheit Thilo Sarrazin und Geert Wilders verteidigt, sollte auch Norman Finkelstein und Alfred Grosser zu Wort kommen lassen.

2.    Wer den Lobbyismus in der Politik beklagt (Energiewirtschaft), sollte das flächendeckend tun (die Wind- und Solarenergielobby etwa freut sich über jeden früheren Atomausstieg).

3.    Wer sich über Gesinnungsschnüffelei des Staates gegenüber Kommunisten beschwert, sollte sich ebenso über V-Männer in islamischen Gemeinden echauffieren.

4.    Wer den Datenschutz durch Google Street View verletzt sieht, sollte auch bei Wikileaks etwas empfindlicher sein. Die Privatsphäre des Staates wird durch den Straftatbestand des Landesverrats geschützt (§ 93, 94 und 97a des StGB). Schwere Nachteile für ein Land oder eine gravierende Beeinträchtigung seiner äußeren Sicherheit durch die Weitergabe geheimer Informationen müssen nicht geduldet werden.

5.    Wer es richtig findet, dass ein Staat als Hehler Raubkopien von Steuerdaten etwa aus der Schweiz erwirbt, hat dem Treiben von Wikileaks wenig entgegenzusetzen.

6.    Wer für Muslime Religionsfreiheit in Form von Minarettbauten und Kopftüchern fordert, sollte sich auch für die Rechte christlicher Missionare in islamischen Ländern einsetzen.

7.    Wer die Kungelei von Politik und Wirtschaft beklagt, sollte keine Journalistenrabatte (z. Bsp. verbilligte Reisetickets für den Privaturlaub) in Anspruch nehmen. Der Autor dieser Zeilen hat es zweimal getan. Er gelobt, das gesparte Geld für einen karitativen Zweck zu spenden.

8.    Wer das Holocaustleugnungsgesetz verteidigt, muss es hinnehmen, dass in anderen Ländern verboten wird, etwa die Verbrechen der Kommunisten zu relativieren oder gar zu leugnen.

9.    Wer an Christoph Schlingensief dessen anarchisches Rebellentum lobte und auch sonst kräftige Haltungen schätzt, darf nicht plötzlich pingelig werden, wenn eine Meinung mal nicht ins eigene Weltbild passt (wie in: Kristina Schröder ist klasse; die SPD ist eine gute Oppositionspartei; der Ökologismus ist eine Ideologie).

10. Wer sein Gerechtigkeitsempfinden auf nur eine Weltregion konzentriert (etwa den Nahen Osten), macht sich einer Obsession verdächtig, wenn er zu Sudan, Kuba, Iran und Nordkorea unüberhörbar schweigt.

Diese Gebote erheben werden Anspruch auf Vollständigkeit, noch lässt die Reihenfolge Rückschlüsse auf ihre Relevanz zu.

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