Kontrapunkt : Mein Freund, der Baum

In unserer Online-Kolumne "Kontrapunkt" schreibt Malte Lehming über den Protest gegen „Stuttgart 21“ als Aufstand urdeutschen Gemüts.

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Proteste unter Bäumen: Auch am 4. Oktober versammeln sich die Menschen in Stuttgart zur Montagsdemo. Sie demonstrieren unter anderem für den Erhalt der Bäume im Schlosspark.
Proteste unter Bäumen: Auch am 4. Oktober versammeln sich die Menschen in Stuttgart zur Montagsdemo. Sie demonstrieren unter...Foto: rtr

Für den Reichsjägermeister und Reichsnaturschutzbeauftragten Hermann Göring bedeutete Waldvernichtung Volksvernichtung. Denn „wenn wir durch den Wald gehen, erfüllt uns der Wald mit einer ungeheuren Freude“. Viel gelesen wurde auch sein Essay: „Ewiger Wald und ewiges Volk“. Der NS-Ideologe Alfred Rosenberg glorifizierte in dem Montagefilm „Der ewige Wald“ die Deutschen als Waldvolk. Für die bündische Jugend sollte das Wandern im Wald helfen, Werte wie Treue, Kameradschaft und Natürlichkeit zu entwickeln. Und natürlich sollten im deutschen Wald nur deutsche Pflanzen gedeihen und deutsche Tiere leben. Der deutsche Baum (die Eiche) und der deutsche Wald (ewig) gehören seit rund 200 Jahren fest zur nationalen Identität.

Man könnte diese Einleitung missverstehen als Beleg für das von Mike Godwin geprägte Gesetz, demzufolge im Verlauf langer Debatten irgendwann irgendjemand einen Nazi-Vergleich bringt. Doch mit der Nazi-Ideologie hat der Protest gegen „Stuttgart 21“ allenfalls in Sphären des kollektiv Unbewussten zu tun. Vielmehr ist es ein Aufstand urdeutschen Gemüts. Im Stuttgarter Schlossgarten wird das germanische Wesen verteidigt.

Bürgerproteste gegen Stuttgart 21
Lange Zeit ging es gegen Stuttgart 21 auf die Straße. Diese Herren im Hasenkostüm nehmen an einer Sitzblockade gegen den Bahnhofsbau teil.Weitere Bilder anzeigen
1 von 191Foto: dpa
21.06.2011 07:39Lange Zeit ging es gegen Stuttgart 21 auf die Straße. Diese Herren im Hasenkostüm nehmen an einer Sitzblockade gegen den...

Die Hauptaktivisten haben sich bei den „Parkschützern“ vereinigt. Diese Gruppe hat rund 28.000 registrierte Unterstützer. Etwa 2300 davon haben sich bereit erklärt, sich an einen Baum anzuketten und dafür auch Geldstrafen in Kauf zu nehmen. Die „Parkschützer“ trugen am vergangenen Donnerstag maßgeblich dazu bei, innerhalb von zwei Stunden rund 5000 Demonstranten in den Schlossgarten zu bringen.

Auf der Internetseite der „Parkschützer“ heißt es: „282 Großbäume sollen für Stuttgart 21 gefällt werden: Platanen, Bergahorn, Eichen, Ulmen, Rosskastanien, Rotbuchen und andere. Diese wertvollen Bäume bieten Lebensräume für Vögel, Fledermäuse und Insekten. Jeder Baum und jede Hecke ist im Lauf der Jahrzehnte zu einem einzigartigen Biotop gewachsen. Biotope, die teilweise vom Aussterben bedrohten Arten einen Lebensraum bieten.“ Wahrscheinlich ist das Wort „Lebensraum“ ebenso zufällig gewählt wie der Aufruf „Stuttgart erwache“: Mit ihm endet das Video des Protest-Raps „Oben bleiben“, das bei jeder Demonstration ertönt. Die Parkbäume im Schlossgarten sind zum überragenden Symbol des Streits um „Stuttgart 21“ geworden.

In anderen Ländern gehen Menschen für Freiheitsrechte und Revolutionen auf die Straße, sie bekämpfen die Staatsmacht wegen Tyrannei oder unsozialer Politik. In Stuttgart geht’s um Bäume (und einen neuen Bahnhof). „O Wald, o Waldeseinsamkeit, wie gleichst du dem deutschen Gemüt“, schrieb der Dichter Julius Hammer 1851. „Kein anderes Geschöpf ist mit dem Geschick der Menschheit so vielfältig, so eng verknüpft wie der Baum“, urteilte der Historiker Alexander Demandt. Und Literaturnobelpreisträger Elias Canetti bringt es in seinem Hauptwerk „Masse und Macht“ 1960 auf den Punkt: „In keinem modernen Land der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude.“

Fünfzig Jahre später empört sich ein Stuttgarter „Parkschützer“ in seinem Blog: „Wer die Stuttgarter Innenstadt nicht kennt: Der Schlossgarten ist der einzige größere grüne Fleck in einer ansonsten bis auf den letzten Fleck zubetonierten, versiegelten, grauen Steinstadt in brutaler Tallage, die im Sommer heiß wird wie ein Wok, da es an Frischluftzufuhr und kühlenden grünen Parks mangelt. Nur im Schlossgarten gibt es Gras und stehen Bäume. Große Bäume, Schatten spendende Bäume, alte Bäume. Ob sie gesund sind, weiß ich nicht, aber sie sehen gesund aus, kippen nicht von alleine um und haben viele, viele Jahre benötigt, um so groß zu werden. Und nun will man sie fällen. Denn kleine, blasse Erdlinge vom Staat, der Immobilienwirtschaft und der Bahn wollen große Löcher in den Schlossgarten bohren.“

Sein Text trägt die Überschrift „Mein Freund, der Baum“, was an Alexandras Schlagerhit von 1968 erinnern soll:

„Mein Freund, der Baum ist tot, er fiel im frühen Morgenrot. Du fielst heut’ früh, ich kam zu spät, du wirst dich nie im Wind mehr wiegen, du musst gefällt am Wege liegen, und mancher, der vorübergeht, der achtet nicht den Rest von Leben und reißt an deinen grünen Zweigen, die sterbend sich zur Erde neigen. Wer wird mir nun die Ruhe geben, die ich in deinem Schatten fand? Mein bester Freund ist mir verloren, der mit der Kindheit mich verband.“

Baum und Brauch: Zur Geburt eines Kindes soll ein Baum gepflanzt werden, es gibt den Richtbaum, den Kirmesbaum, den Weihnachtsbaum, den Maibaum. Baum und Wald: Das steht für Urzustand, Natur, gegen Zivilisation, Technik, Urbanität. „Erst stirbt der Baum, dann der Mensch“, heißt es, seitdem in den 70er Jahren das Wort „Waldsterben“ die Runde machte – ein Begriff, der außerhalb Deutschlands eher belächelt wurde, weil er als typisch deutsche Hysterie galt. Doch das focht die Deutschen nicht an. „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen, werdet Ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann“, skandierten sie zurück.

Kein Zufall auch, dass das Leitbuch der deutschen Umwelt- und Anti-Atomkraftbewegung „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ hieß. Es wurde 1985 vom Populärwissenschaftler Hoimar von Ditfurth verfasst, dem Sohn eines nationalistisch-konservativen preußischen Rittmeisters. Eine der größten Sorgen von Hoimar von Ditfurth war die Bevölkerungsexplosion. Ein Artikel im „Spiegel“ von ihm trug den Titel „Die mörderische Konsequenz des Mitleids“. Darin geißelt er die Arbeit humanitärer Hilfsorganisationen als kontraproduktiv: „Für jedes einzelne Kind, das heute durch die Aktivitäten solcher Organisationen gerettet wird, wird es in den nächsten Generationen vier oder fünf oder sechs Kinder geben. Und dazu, auch dieses wiederum vor einem elenden Hungertod bewahren zu können, werden dann selbst die vereinigten Anstrengungen von ,Misereor’ und ,Brot für die Welt’ und all die vielen Patenschaften nicht mehr ausreichen.“

Und so zeigt die deutsche Geschichte zumindest dies: Die Idealisierung von Baum und Wald muss zwar nicht automatisch in viel Blödsinn und Gewalt münden, aber manchmal tut sie es eben. Bahnchef Rüdiger Grube hat jetzt Morddrohungen erhalten und steht unter Polizeischutz.

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