Kontrapunkt : Occupy Buddha

Die Philosophen interpretieren die Welt, die Aktivisten verändern sie. Doch zur Zeit kommt es vor allem darauf an, sie auszuhalten, meint Malte Lehming. Und sei es mit Wut im Bauch.

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Proteste vor der EZB-Zentrale in Frankfurt am Main.
Proteste vor der EZB-Zentrale in Frankfurt am Main.Foto: dapd

Im März 1935 hielt Gertrude Stein in Chicago vier Vorträge. Sie gehören zum verwirrendsten und erhellendsten, was je über Poesie und Prosa, Literatur und Geschichte, Erinnerung und Gedächtnis, Lehre und Wissen gesagt wurde. Gertrude Stein sprach nicht nur ohne Punkt und Komma, sondern verzichtete auch schriftlich gern auf Interpunktionen, um den Leser zur Aufmerksamkeit zu zwingen. Denn was schnell verstanden wird, wird auch schnell wieder vergessen. Vor allem Rätsel beschäftigen den Geist. Bei Gertrude Stein klingt das so: "Ich sage Ihnen und ich kann es Ihnen nicht zu oft sagen obzwar ich es vielleicht nicht oft genug sage da jeder sogar ich seine Meinung ändern kann ich kann es Ihnen nicht oft genug sagen dass Unklarheit die Dinge leicht macht." 

In ihrem zweiten Vortrag untersucht Gertrude Stein den Unterschied zwischen Prosa und Poesie und deren Genese anhand des Satzes: "Let’s make our flour meal and meat in Georgia." – "Und so sind vielleicht Erzählung und Poesie und Prosa alle da angelangt wo sie nicht als vorhanden betrachtet werden müssen." Der Vortrag endet mit dem an die Zuhörer gerichteten Satz: "Sie werden vielleicht sagen nein und ja vielleicht ja."

Zu der Zeit war Gertrude Stein mit dem französischen Schriftsteller und Maler Francis Picabia befreundet. Sie eine Wasserfrau (3. Februar), er ein Wassermann (22. Januar). Picabia kam vom Impressionismus über den Kubismus über den Neo-Impressionismus erst zum Dadaismus, dann zum Surrealismus und schließlich wieder zurück zum Impressionismus, gegen Ende seines Lebens malte er abstrakt. Der vielleicht berühmteste von ihm überlieferte Satz lautet: "Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann." 

Angela Merkel steigt aus der Atomkraft aus, schafft die Wehrpflicht ab und verweigert sich einem Nato-Krieg. Justizministerin Sabine Leutheusser Schnarrenberger (FDP) lobt den „Chaos Computer Club“. Faz-Herausgeber Frank Schirrmacher schließt sich mental den Globalisierungskritikern von Attac an. Die CDU zeigt Sympathie für die Anti-Banken-Bewegung („Occupy Wall Street“), die auch in Deutschland am Wochenende massiv demonstrierte. "Die Steuerzahler lassen Dampf ab, wenn Banken erneut auf ihre Kosten gerettet werden müssen. Das ist nachvollziehbar" (Klaus-Peter Flosbach, finanzpolitischer Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion).

Proteste der "Occupy"-Bewegung in Berlin
9.01.2012: Das Berliner Zeltlager der Occupy-Aktivisten ist Geschichte. Die Polizei räumt das Gelände. Die letzten rund zehn Camper verlassen den Bundespressestrand widerstandslos.Weitere Bilder anzeigen
1 von 54Foto: Thilo Rückeis
05.01.2012 17:579.01.2012: Das Berliner Zeltlager der Occupy-Aktivisten ist Geschichte. Die Polizei räumt das Gelände. Die letzten rund zehn...

Die Fronten zerfließen, und ganz große Gefühle laufen leer. Wie die Wut auf ein Erdbeben. Selbst die Schilder der modernen Kapitalismuskritiker zeugen von Ratlosigkeit. Auf einem steht: "Free tampons to stop economic bleeding". System abschaffen? Sozialismus einführen? Mehr staatliche Kontrolle über den Finanzsektor, um den Kapitalismus krisenfester zu machen? Die Geister eint, dass sie die Faust ballen. Die Chefs von Banken, die mit Steuergeldern gestützt werden müssen, streichen satte Boni ein. Am unteren Ende der Skala verlieren Menschen ihr Haus, ihren Job, ihr Vermögen. Die Geister entzweit, was aus dieser Ungerechtigkeit folgt.

Warum Wahlen zu Unmutsbekundungen werden und was Tea-Party und die Occupy-Bewegung gemein haben, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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