Kontrapunkt : Panik an den Rohstoffmärkten – Grund zur Freude

An den Rohstoffmärkten herrscht Aufregung: Bereits der Donnerstag war ein schwarzer Tag für die dortigen Anleger, am Freitag ging die Talfahrt teilweise weiter. Platzt nun die Rohstoffblase? Dies wäre ein Grund zur Freude.

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Händler an der Terminbörse New York Mercantile Exchange (NYMEX).
Händler an der Terminbörse New York Mercantile Exchange (NYMEX).Archivfoto: Reuters

Panikartige Verkäufe ließen am Donnerstag zunächst die Preise für Silber und Gold einbrechen. Silber war Ende April noch auf einem 31-Jahres-Hoch von fast 50 Dollar je Feinunze, nun kostet es keine 35 Dollar. Gold erreichte erst kürzlich einen neuen Rekordstand von rund 1576 Dollar und liegt nach einem heftigen Kurssturz momentan bei etwa 1492 Dollar.

Am Freitag setzte sich vor allem die Talfahrt der Ölpreise fort. Die Notierung für ein Fass Brent-Öl gab um mehr als drei Dollar auf rund 107 Dollar nach. Am Tag zuvor war der Preis in der Spitze um die Rekordsumme von zwölf Dollar abgerutscht. Auch Nahrungsmittelpreise fallen.

Ist der Rohstoffboom nun zu Ende? Händlern zufolge gibt es neue Zweifel an einer schnellen Genesung der US-Wirtschaft. Die Arbeitsmarktdaten in den USA sind schlecht, die Sorge um die Erholung der Konjunktur steigt. Als Grund wird auch der gestiegene Dollar-Kurs genannt.

Doch dies begründet den rasanten Preisverfall an den Rohstoffmärkten nur teilweise. Offenbar handelt es sich bei der derzeit stattfindenden Verkauforgie auch um Gewinnmitnahmen von kurzfristig orientierten Spekulanten, die ein Ende des Rohstoffbooms befürchten. Ein Zeichen hierfür könnte der anstehende Börsengang eines Rohstoffgiganten sein.

Der weltgrößte Rohstoff-Händler Glencore will an die Börse. Das Schweizer Unternehmen erhofft sich davon Einahmen von bis zu 12 Milliarden Dollar. Die Aktien mit einer Preisspanne von 480 und 580 britischen Pence sollen am 19. Mai an der Londoner Börse und ab dem 25. Mai in Hongkong gelistet werden.

Glencore ist ein umstrittener Gigant: Das Unternehmen mit Sitz im Schweizer Steuerparadies Zug wurde 1974 vom Rohstoffhändler Marc Rich gegründet. Der zeitweise vom FBI verfolgte Rich musste das Unternehmen 1993 wegen seiner Steuerschulden verkaufen. Heute gehört es rund 500 privaten Investoren.

Glencore ist laut „Neue Zürcher Zeitung“ bei Metallen wie Zink, Kupfer, Blei und Aluminium der weltweit größte Händler. Gehandelt wird zudem mit Erdöl und Kokskohle sowie Getreide, Baumwolle und Zucker. In der Kritik steht Glencore nicht nur wegen umstrittener Spekulationsgeschäfte, sondern auch wegen unmenschlicher Arbeitsbedingungen, Umweltverschmutzung, Korruption und die Ausbeutung der Entwicklungsländer, in denen der Konzern tätig ist.

Der Börsengang wird voraussichtlich einer der größten in der europäischen Wirtschaftsgeschichte. Vergleichbar ist er mit dem der Deutschen Telekom 1996, der 12,49 Milliarden Dollar einbrachte. Damals befand man sich auf dem Höhepunkt der Dotcom-Euphorie. Spätestens der Börsengang der Telekom-Tochter T-Online zur Jahrtausendwende läutete das Ende dieser Blase ein. Glencore will jetzt an die Börse, da die Rohstoff-Geschäfte in den vergangenen Jahren prächtig gelaufen sind. Doch es wäre nicht das erste mal, dass der Börsengang eines Giganten das Ende eines Booms einläutet.

Noch ist nicht absehbar, ob die Rohstoffblase wirklich platzt. Ärgerlich wäre dies für einige Spekulanten, für Privatanleger, die sich aus Angst vor Inflation Goldbarren unter das Kopfkissen gelegt haben und für Glencore, das womöglich weniger aus dem Börsengang einnehmen würde als geplant.

Die deutsche Wirtschaft hingegen dürfte aufatmen, gibt sie doch jährlich riesige Summen für den Import von Erdöl, Metallen & Co aus. Auch für viele Entwicklungsländer wäre der Preisverfall ein Segen. Durch Spekulation hochgetriebene Nahrungspreise vergrößerten in den letzten Jahren die Hungersnot und behinderten die Entwicklung der Länder. Im Gegenzug hat die Bevölkerung meist nur wenig von den hohen Preisen der aus ihren Ländern stammenden Rohstoffe. Was gut für Glencore ist, ist oft schlecht für die Bevölkerung der Entwicklungsländer – und umgekehrt.

Lediglich der deutsche Autofahrer dürfte sich vermutlich vergebens freuen. Während steigende Rohölpreise stets schnell an der Zapfsäule spürbar sind, kommen dort sinkende Ölpreise – wenn überhaupt – nur mit großer Zeitverzögerung an.

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