Kontrapunkt : Pershing statt Petting

Heute vor genau 30 Jahren, am 10. Oktober 1981, fand in Bonn die bis dahin größte Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik statt. Und Malte Lehming sagt: Zum Glück endete sie in einer Niederlage.

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Proteste in Stuttgart gegen den geplanten Bahnhof. Zeichen einer aufflammenden "Stimmungs-Demokratie"?
Proteste in Stuttgart gegen den geplanten Bahnhof. Zeichen einer aufflammenden "Stimmungs-Demokratie"?

Angereist war man im VW Käfer oder Bulli, in einem Renault 4 mit Knüppelschaltung oder einem Citroen 2 CV. Die Musik lief über Kassettenrekorder. Steely Dan ("Aja"), Crosby, Stills, Nash and Young ("4 Way Street"), Genesis ("The Lamb Lies Down on Broadway"), Lou Reed ("American Poet"). Auf der Hofgartenwiese hallten dann etwas andere Refrains nach ("Was wollen wir trinken, sieben Tage lang?"). Die Stimmung war fröhlich, ausgelassen, kämpferisch. "Frieden schaffen ohne Waffen" war das Motto der 300.000 Menschen (wahlweise auch: "Petting statt Pershing"). Willkommen in Bonn, wo heute genau vor 30 Jahren (am 10. Oktober 1981), die bis dahin größte Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik stattfand.
An dieses Jubiläum zu erinnern, ist aus zwei Gründen wichtig. Erstens nährt es das Unbehagen an der erneut populären Stimmungs-Demokratie, an all jenen "direkten" Elementen, die heute wieder ganz weit oben im Kurs stehen – ob bei Europa oder S 21. Auch die Friedensdemonstranten wussten sich damals im Einklang mit der Bevölkerungsmehrheit, die ebenfalls gegen die Nato-Nachrüstung war. Eine parlamentarische Mehrheit indes war für die Umsetzung des Nato-Doppelbeschlusses. Und so kam es dann ja auch. Zum Glück.

Denn zweitens erinnert der Jahrestag daran, dass sich gut und naiv ebensowenig ausschließen wie böse und raffiniert. Manchmal bedingt sich beides sogar.

Natürlich waren die Absichten der Friedensbewegten nobel und auf die Bewahrung des Weltfriedens gerichtet. Lieber rot als tot. Die Sowjetunion war kurz zuvor in Afghanistan einmarschiert und hatte mit der Installierung ihrer SS 20 begonnen, rund ein Viertel des Bruttosozialprodukts der UdSSR floss damals in die Rüstung. Doch Angst hatte man im Westen eher vor sich selbst und der eigenen Courage. „Angst vor den Freunden“ hieß ein Buch des damaligen SPD-Politikers Oskar Lafontaine, womit er freilich nicht Moskau meinte, sondern die US-Regierung in Washington DC.

Dabei steht im Nachhinein fest, dass zwar auch Ostpolitik und SDI, Michail Sergejewitsch Gorbatschow und Helmut Kohl, Ronald Reagan und Papst Johannes Paul II. zur Marodierung der Sowjetherrschaft beitrugen, doch ins Mark und in die Knochen trafen, ohne je abgeschossen werden zu müssen, Pershing II und Cruise Missiles. Sie zielten auf den Kern der gegnerischen Ideologie.

Denn mit ihrer Stationierung war dem Kreml klar: Wenn wir nicht die Menschheit auslöschen wollen, müssen wir akzeptieren, dass es auf ewig zwei antagonistische Blöcke gibt. Das aber stürzte den Kommunismus, zu dem die Perspektive seiner weltweiten Ausbreitung gehört wie das Privateigentum zum Kapitalismus, in eine schwere Identitätskrise. "Der Kommunismus ist empirisch nur als die Tat der herrschenden Völker ,auf einmal’ und gleichzeitig möglich", hatte Karl Marx 1845 in der Deutschen Ideologie geschrieben. Die Hoffnung auf ein solch fernes Paradies musste nun für immer begraben werden.

Ohne Erlösungshoffnung wiederum war der Ideologie jenes legitimatorische Moment genommen, das alle Strapazen, Schauprozesse, Kollektivismen, Gedankentyranneien und Entbehrungen lange Zeit hatte relativieren können. In dem Maße, in dem die Ausbreitung des Kommunismus aussichtslos wurde, weil nur zum Preis des Weltuntergangs zu haben, stand das System plötzlich nackt da. Freiheitsentzug, Unterdrückung, Korruption: Der Westen, jenes unbezwingbare Gegenüber, hatte es mit der Stationierung von Pershing II und Cruise Missile auf sich selbst zurückgeworfen.

Ohne Nato-Nachrüstung wäre die Geschichte wahrscheinlich anders verlaufen. Wer weiß, ob und wann ohne sie der Sowjet-Kommunismus besiegt und die deutsche Vereinigung gelungen wäre. Die schwerste Niederlage der westdeutschen Friedensbewegung markiert insofern gleichzeitig den Beginn der Freiheitsrevolutionen.

Masse kann sich täuschen, Stimmungen können in die Irre führen: Daran zu erinnern, 30 Jahre nach der bis dahin größten Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik, ist aktueller denn je.

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