Kontrapunkt : Politik und Waffen - eine explosive Mischung

Es gibt dieser Tage einige martialische Reden deutscher Politiker zum Umgang mit Waffen. Lorenz Maroldt findet dies in seinem aktuellen Kontrapunkt höchst bedenklich und plädiert für eine parteiübergreifende Abrüstung.

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Höchst bedenklich: Horst Seehofer lässt die Waffen sprechen. Screenshot: Tsp
Höchst bedenklich: Horst Seehofer lässt die Waffen sprechen.Screenshot: Tsp

In einem "Grundsätzlichen Befehl" vom 9. März 1945 heißt es: "Die Reichshauptstadt wird bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone verteidigt." Und weiter: "Aufsässige Ausländer" seien "sofort unter rücksichtslosem Gebrauch aller Machtmittel festzusetzen oder unschädlich zu machen". Der Befehl trägt die Unterschrift von Generalleutnant Hellmuth Reymann.

Auf den Tag genau 66 Jahre später heißt es in einer Aschermittwochsrede: "Wogegen wir größte Vorbehalte und Bedenken haben – und da werden wir uns in der Berliner Koalition sträuben bis zur letzten Patrone, liebe Freunde, und niemals nachgeben – dass wir eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme bekommen." Die Rede hält der Ministerpräsident Bayerns, Horst Seehofer.

Auf den ersten Blick fällt auf, dass bei beiden, Reymann wie Seehofer, das Wort "Pistole" vorkommt, ohne dass es genannt wird, und auf den zweiten Blick, dass der Befehl nüchterner ist als die Rede. Gegen wen will sich Seehofer bis zur letzten Patrone sträuben: Gegen Westerwelle? Gegen Merkel? Und wie sträubt man sich mit einer letzten Patrone? Legt man sie auf den Tisch? Wirft man sie aus dem Fenster? Steckt man sie in den Füller?

Womöglich werden sich gerade als mittelbare Folge der seltsamen Seehofer-Rede in Bayern ein paar Staatsanwälte an den Kopf greifen und verzweifelt rufen: Ich geb’ mir die Kugel. Denn sie müssen jetzt diverse Strafanzeigen früherer SPD-Abgeordneten gegen Seehofer wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung prüfen. Einer von ihnen ist Jörg Tauss, seit seinem Eintauchen in den Kinderpornosumpf bekannt aus Funk und Fernsehen und verurteilt zu einer Haftstrafe von fünfzehn Monaten. In seinem Blog hat er die Anzeige veröffentlicht; der zentrale Vorwurf darin: "Der Beschuldigte hat heute in der Dreiländerhalle Passau, Dr.-Emil-Brichta-Straße 11, 94036 Passau (Tatort), zu Gewalt gegen Menschen anderer Kulturkreise aufgerufen." Und weiter: "Es waren ca. 3.300 Zeugen des Vorgangs zugegen, die sich überwiegend im CSU-Sympathisantenumfeld des Täters befinden dürften."

Ins Sympathisantenumfeld des Anzeigenden begab sich derweil die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, die Seehofer "unglaublich geschichtsvergessene Worte" vorhält, wegen der Nazis und des Generalleutnants Reymann. Die CSU erlebe ihr "Werte-Waterloo". Was für eine Schlacht.

Es gab dieser Tage eine weitere bemerkenswerte Rede, in der das Wort Pistole nicht fiel, aber von manchen dennoch gehört wurde, und zwar beim Beitrag des Abgeordneten Dietmar Bartsch von der Linkspartei zur Affäre Guttenberg. "Ich appelliere an ihre Ehre", rief Bartsch Guttenberg zu, "früher wusste der Adel, was an so einer Stelle zu tun ist". Und Abgang.

Mag sein, dass Guttenberg aus sicherer Quelle weiß, was der Adel früher getan hat, wenn er beim Kopieren von Doktorarbeiten erwischt wurde. Ganz ohne Pistole kam er bei seinem Abgang jedenfalls nicht aus. Allerdings handelte es sich um ein nur eingeschränkt verwendbares Modell, eine Signalpistole. Aber auch damit lässt sich Unheil anrichten, wie aus dem Text zum Marsch hervorgeht, den die Bundeswehr Guttenberg zum Abschied auf seinen Wunsch blasen sollte: "We're at the best place around, but some stupid with a flare gun burned the place to the ground. Smoke on the water, fire in the sky."

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Umgang deutscher Politiker mit Waffen höchst bedenklich ist. Vielleicht sollte da mal jemand abrüsten.

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