Kontrapunkt : Sag zum Anfang leise Rücktritt

Stephan-Andreas Casdorff, Lorenz Maroldt, Malte Lehming, Tissy Bruns und Harald Schumann schreiben für Tagesspiegel.de ab sofort im Wechsel den Kontrapunkt – einen Kommentar zum aktuellen Tagesgeschehen. Zum Start: Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff über Westerwelles Rücktrittsgedanken.

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Guido Westerwelle mit Michael Mronz.
Guido Westerwelle mit Michael Mronz.Foto: AFP

Ach, wie oft schon ist darüber geredet, geschrieben worden, wie politisch das Private ist. Und doch ist es immer wieder schön. So wie jetzt, wo es um Guido Westerwelle geht. Geheiratet hat er, und das ist gut so: seinen Freund Michael Mronz. Beide haben übrigens ihren Namen behalten, so weit man weiß. Aber unabhängig davon: Soll niemand sagen, dass Rot-Grün die Gesellschaft nicht verändert hätte. Hätte es den Kanzler Schröder (vier Ehen) nicht gegeben, den Vizekanzler Fischer (fünf Ehen) nicht, und dann Klaus Wowereit – Westerwelle wäre heute noch Gefangener seiner selbst. Und das wiederum wäre gar nicht gut so.

Womit wir mitten im Politischen wären. Oder doch im Privaten? Wer Liebe im Privaten erfahren hat, dass der sich auch schon mal fragt, warum ihn so viele andere Menschen nicht mögen – ist das nicht normal? Westerwelle dementiert, dass er vor ein paar Tagen über seine Rücktrittsgedanken gesprochen hat. Dass er sie ausgesprochen hat. Allerdings hat er das so spät dementiert, nach Stunden erst, dass das auch viel sagte.

Natürlich wär’s, wenn Westerwelle politische Beliebtheit, wenigstens die in der eigenen Partei, testen wollte. Wenn er das wollte, wofür einiges spricht, dann macht man es genau so: Sag das Wort Rücktritt – und hör’ mal, was die Leute dazu meinen. Seine eigenen Leute reagierten angemessen bestürzt, auch die, die ihm nachfolgen könnten, früher oder später. General Lindner, der junge aufstrebende Star der Partei, stellte sich hinter ihn, Minister Brüderle, der alte Politprofi und gegenwärtige na ja, Star unter den freidemokratischen Ressortchefs (Westerwelle eingeschlossen) ebenso. Was will man mehr?

Wahlsiege! Denn das ist die Währung, die eigentlich zählt. Westerwelle war, er ist beliebt, je nachdem, weil die Partei mit ihm eine beispiellose Siegesserie erlebt hat, bis hin zur Bundestagswahl mit sagenhaften fast 15 Prozent. Erfolg ist sexy, um es mal so zu sagen. Und so beliebt wie damals war Westerwelle vorher noch nie, von der Schule über seine Zeit als Pressesprecher der in den achtziger Jahren neu gegründeten Jungen Liberalen bis zum Jahr 2009. Geachtet ja, gefürchtet auch, wegen seiner rhetorischen Schärfe und seines Ehrgeizes (Klaus Kinkel, der ehemalige Außenamts- und FDP-Chef könnte was erzählen). Aber nicht beliebt. Geliebt erst recht nicht. Und jetzt erfährt die FDP auch noch einen sagenhaften Abstieg, zeitweilig bis unter fünf Prozent. Obwohl: Das sind bis jetzt nur Umfragen und keine Wahlergebnisse. Ob es dabei bleibt und die Ergebnisse besser werden? Besser wär’s, denn so weit reicht die Liebe nicht, dass die FDP aus den Parlamenten wieder rausfliegen will. Oder aus den Regierungen.

Auf der Suche nach dem richtigen Lied zur Hochzeit: wie wär’s mit einem von – Willi Forst? „Ich liebe, du liebst, er liebt“, mit der schönen Zeile: „Wenn du mich liebst, dann kann uns beiden nichts geschehen.“

Die Autoren von Kontrapunkt: Montags schreibt Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff. Dienstags kommentiert Meinungschef Malte Lehming. Mittwochs analysiert Tissy Bruns insbesondere das politische Geschehen. Donnerstags schreibt Chefredakteur Lorenz Maroldt und freitags Wirtschaftsexperte Harald Schumann.

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