Kontrapunkt : Schwarz-Grün und die Geschichte mit der Wunschwimper

Es gibt keine unüberbrückbare Hürde zwischen Union und Grünen. Allein die Basis will das nicht wahrhaben. Malte Lehming erklärt, warum Schwarz-Grün nur an die Macht kommen kann, wenn keiner darüber redet.

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Grün und Schwarz wie Schwarz und Weiß: Mit einem freundlichen Händedruck begrüßen sich Baden-Württembergs Regierungschef Kretschmann und Kanzlerin Merkel. An der Basis löst so gutes Verständnis für Unverständnis aus.
Grün und Schwarz wie Schwarz und Weiß: Mit einem freundlichen Händedruck begrüßen sich Baden-Württembergs Regierungschef...

Mit dem Wünschen ist das eine recht vertrackte Sache. Sehr vertrackt sogar. Denn fast nie ist es so, dass man sich einfach etwas wünscht, und dann passiert es. Ganz im Gegenteil. In manchen Märchen werden Wünsche, die man ausspricht, nur in einem verzauberten Land wahr. Oder nehmen wir das mit der Wimper, die ausfällt. Wer sie wegpustet und sich still und leise etwas wünscht, darf hoffen. Wer aber von seinem Wunsch erzählt, dem geht er garantiert nicht in Erfüllung.

Diese Regel lässt sich bequem auf die große Politik übertragen. Hätte Karl Marx geschwiegen und nicht die klassenlose Gesellschaft propagiert, gäbe es sie heute wohl. Aber Marx konnte Mund und Stift nicht halten, sondern legte die Gesetze der Geschichte ungeniert offen. Damit lieferte er der Gegenseite höchst wirksame Abwehrmittel. Folglich vegetiert nun der Spätkapitalismus erlösungslos und ewiglich vor sich hin.

Politik im noch Kleineren spiegelt sich in der aktuellen deutschen Debatte über Schwarz-Grün wider. Auch hier gilt: Je mehr man darüber spricht, desto unwahrscheinlicher wird’s. Insofern hat der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Sonntag einen großen Fehler gemacht. Mit dem Atomausstieg seien „unüberbrückbare Gräben“ zwischen Union und Grünen „eingeebnet“ worden, sagte er freudig im Interview mit dem Tagesspiegel. Natürlich stimmt das. Kretschmann spricht die reine Wahrheit. Aber der Sache – der angestrebten schwarz-grünen Koalition – erweist er damit einen Bärendienst.

Denn es gilt noch eine Regel: Das Bedürfnis nach Identität in den politischen Parteien steigt in dem Maße, wie den Parteien die Identität abhanden kommt. Je grüner Angela Merkel wird, desto lauter ruft die Basis: Bitte werde wieder schwarz! Als wiederum die Grünen in Regierungsverantwortung waren und von Kosovo bis Afghanistan so ziemlich alles mitmachten, sahen deren Anhänger zwar noch Joschka Fischer, hörten ihn aber wie Hans-Dietrich Genscher reden. Auch das weckte neu die Sehnsucht nach alter Klarheit.

Deutsche Wirklichkeit ist: Politisch gibt es keine einzige unüberbrückbare Hürde zwischen Union und Grünen. Auch die angebliche „kulturelle Differenz“ entpuppt sich rasch als Schimäre. Claudia Roth und Volker Kauder passen mindestens so gut (oder schlecht) zusammen wie Volker Beck und Kurt Beck. Auf welchem kulturellen Gebiet sollte es denn zwangsnotwendig zum Zoff kommen – Religion, Homo-Ehe, Familie, PID, Multikulti? Alles Schlachten von gestern. Wer dächte beim Gedankenaustausch von Norbert Röttgen und Renate Künast nicht automatisch an Seelenverwandtschaft?

Allein die orientierungslose Basis – grün wie schwarz - will das nicht wahrhaben. Sie giert nach Abgrenzung, weil sie sich dadurch am Leben weiß. Sie leugnet Ähnlichkeit, weil diese ihre Originalität gefährdet. Also: Wer von Schwarz-Grün spricht, ist entweder naiv oder will nicht, dass Schwarz-Grün kommt. Wer dagegen Schwarz-Grün heftig dementiert, arbeitet raffiniert auf eine spannende neue Koalition hin.

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