Kontrapunkt : Sie waren auch nur Nazis

Ende der Illusion? Eben nicht. Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff schreibt seinen "Kontrapunkt" heute über die Studie zu den Nazi-Verstrickungen des Auswärtigen Amtes.

von

Ja, das ist mal eine Überraschung zu Wochenbeginn. Das Auswärtige Amt war mit dem Hitler-Regime verstrickt! Wer hätte das gedacht. Nazis überall.

Dabei wäre es doch so schön gewesen. Irgendwo musste doch der Hort des Widerstands gewesen sein, und wo, wenn nicht bei denen, deren Stärke im Denken, in Papieren und nicht im hirnlos Dienen mit Waffengewalt besteht; oder jedenfalls nicht bestehen sollte? Und jetzt das. Ende der Illusion?

Das Auswärtige Amt und die Nazis
Juni 1943. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und Hitler.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: mauritius images
25.10.2010 22:56Juni 1943. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und Hitler.

Eben nicht. Die Deutschen waren kein Volk der Widerständler. Es standen nicht Millionen gegen eine winzige Clique, die es mittels Massenhypnose zwölf Jahre unterjochen konnte. Die später erschienenen Bücher, das von Eugen Kogon über den SS-Staat und das System der deutschen Konzentrationslager zum Beispiel, waren keine hysterischen Reaktionen, waren keine zu vernachlässigenden Provokationen, sondern vielmehr die notwendige Selbstbespiegelung zum Zwecke der schmerzhaften Reinigung.

Die immer noch nicht abgeschlossen ist. Und es tut immer noch weh. Hitler ist halt doch historisch gesehen nur einen Wimpernschlag entfernte Vergangenheit, und tänzelnde Eleganz im Auftreten teutscher Diplomatie verdeckt eben unzureichend, dass auch sie ein Mittel der Wahnpolitik war. Wer da jetzt noch einen feinen Unterschied zwischen Kooperation und Kollaboration zu machen gedenkt, hat sicher etymologisch recht, bloß nicht im Ergebnis. Besuche im KZ sind Besuche im KZ, Besuche bei Hitler bleiben Besuche bei Hitler, daran ändert Wortklauberei nichts.

Auch die Herren in den Lackschuhen saßen nicht im Elfenbeinturm der Unkenntnis. Viele wussten offenkundig Bescheid, viele wussten ES: Über die Judenvernichtung, die Judendeportation wurde nicht nur gewispert auf den Fluren, sie war aktenkundig. Davon hatte bestimmt nicht allein der eine Referent, dessen faksimilierte Handschrift wir lesen konnten, Kenntnis. Wer damals, sagen wir, Staatssekretär war, der wusste alleine nichts? Kaum noch vorstellbar, nach dieser Expertise.

Dass nun etliche nach den finsteren Jahren, den gefühlten tausend, noch im Amt, aber ohne Würden sogar aufstiegen, passt zu der Tatsache, dass sich einige vor Jahren öffentlich gegen die von Außenminister Joschka Fischer – im Grunde ja skandalös späte – Form der wissenschaftlichen Aufarbeitung einer unrühmlichen Vergangenheit gestellt haben. Da gäbe es also noch eine Menge mehr aufzuarbeiten. Übrigens: Erst dann endet die historische Mission der 68er.

Jetzt erst recht. Am besten wäre, einer wollte zum Ende dieser Woche noch einmal fordern, dass man den Holocaust ohne Strafe leugnen darf. Dialektisch gewissermaßen. Gegen das Vergessen. Für neue Schmerzen. Dann müssten wir uns dem ganzen Thema aufs Neue stellen.

35 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben