Kontrapunkt : So sind sie nun mal, die Araber

Über den Tod Osama bin Ladens durfte man sich nicht freuen. Nach dem Tod von Muammar al Gaddafi scheint keine Freude groß genug, meint Malte Lehming. Was erklärt den Unterschied?

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Libysche Anti-Gaddafi-Kämpfer jubeln.
Libysche Anti-Gaddafi-Kämpfer jubeln.Foto: Reuters

Vor einem knappen halben Jahr ging’s relativ zivilisiert zu. US-Spezialeinheiten hatten in einer pakistanischen Stadt Osama bin Laden aufgestöbert, das Haus gestürmt, den Terroristen erschossen und den Leichnam dann auf Hoher See bestattet. Fotos wurden nicht veröffentlicht. In Amerika zogen Menschen auf die Straße und feierten, dass die Quelle einer mörderischen Gefahr beseitigt worden war. Und auch Angela Merkel freute sich auf die ihr eigene, etwas verdruckste Weise über den Tod des Todesbringers.

Was folgte, war ein Tsunami der Entrüstung. „Was ist das für ein Land, das eine Hinrichtung derart bejubelt?“, fragte fassungslos Tagesthemen-Moderator Jörg Schönenborn. „Wer den Tod eines Menschen bejubelt, befleckt sich selbst“, befand die „Tageszeitung“. Völkerrechtler, Vertreter der Kirchen, Ethikprofessoren waren sich einig: Die Maßstäbe der Humanität wurden grob missachtet, Osama bin Laden hätte vor ein ordentliches Gericht gestellt werden müssen, sich über dessen Tod zu freuen, sei barbarisch, die Moral auf der Strecke geblieben. Dass keine Bilder von der Leiche veröffentlicht wurden, empörte zusätzlich. Verschwörungstheorien schossen ins Kraut.

Nun ist Muammar al Gaddafi tot, und die Menschen in Bengasi, Misrata und Tripolis sind ganz aus dem Häuschen. Sie tanzen und jubeln und klatschen und schießen in die Luft vor Freude. Sie strömen in ein Kühlhaus in einem Supermarkt, wo der tote, halbnackte Tyrann auf eine Matratze gelegt wurde. Die Umstände seines Todes werden noch überprüft, aber die Konturen des Bildes, das sich abzeichnet, sind recht gruselig. Offenbar war Gaddafi auf der Flucht von Nato-Bomben verwundet, dann gefangen genommen, auf die Motorhaube eines Pick-up-Trucks gesetzt, geschlagen und zur Schau gestellt worden. Am Ende wurde der wehrlose Mann wohl gezielt getötet.

Die jüngste Meldung lautet: In der libyschen Stadt Sirte sollen Milizionäre des Übergangsrates 53 Anhänger von Ex-Machthabers Muammar al-Gaddafi nach deren Festnahme getötet haben. Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch fanden einige Leichen, bei denen die Arme mit Plastikbändern hinter dem Rücken zusammengebunden waren.

Und was meinen unsere Tugendwächter? Nichts. Oder allenfalls: sehr wenig. So sei das nun mal, wenn sich ein Volk aus dem Joch einer Tyrannei befreit, siehe die Rumänen und Nicolae Ceausescu oder die Iraker und Saddam Hussein. Wütende Menschen sind halt nicht zimperlich. Ein Gerichtsverfahren hätte das Volk nur unnötig polarisiert. Man liest, hört und staunt. Warum wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Was erklärt das strenge Urteil im Fall Osama und das milde Urteil im Fall Gaddafi?

Zunächst ließe sich einwenden, dass Tyrannenmord etwas anderes sei als Terroristen-Liquidierung. Ein Volk, das gelitten hat, dürfe das Recht in die eigene Hand nehmen, nicht aber ein souveräner Staat im Kampf gegen den Terrorismus. Doch auch unter Bin Ladens Terrorherrschaft haben Menschen gelitten. Rund 3000 Amerikaner hat der Terrorist an einem einzigen Tag ermorden lassen. Ließe sich aus Leid eine Rechtfertigung für Rache ableiten, wäre nicht einzusehen, warum das Urteil über die Amerikaner so viel negativer ausfiel als das über die Libyer.

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