Kontrapunkt : Theologie der Befreiung

Um die Konservativen in der Kurie nicht zu Furien zu machen, hat der Papst seine Meinung zum Gebrauch von Kondomen mit Bedacht in ein Gesprächsbuch über Gott und die Welt eingebettet. Kein hochoffizielles Schreiben - aber die Kirche kann diese Tür nicht mehr schließen.

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Papst Benedikt XVI. im Petersdom.
Papst Benedikt XVI. im Petersdom.Foto: dapd

Gemessen an der Vorstellung, der Papst könne mit Beate Uhse und Oswald Kolle über Sexualität diskutieren, ist das, was jetzt aus dem Gesprächsbuch mit Peter Seewald bekannt wird, natürlich langweilig. Aber erstens sind Uhse und Kolle tot, zweitens funktioniert die katholische Kirche so nicht. Und dennoch wird es so sein, dass diese Tage im November 2010 das Bild vom Pontifikat Benedikts XVI. in der Rückschau wohl maßgeblich mit prägen werden.

Wer sich selbst für zweitausend Jahre alt hält wie die katholische Kirche, der braucht länger, bis die wahre Wirklichkeit Einzug hält in die Kathedralen ihres Denkens. Auch dann geht es nur vorsichtig voran. Aktuelles Begehr spielt keine Rolle. Veränderungen können in Nuancen zu finden sein, die bei genauem Hinschauen geradezu revolutionär anmuten. Ein bisschen ist es so wie, halten zu Gnaden, seinerzeit bei den Machthabern im Kreml vor Glasnost und Perestroika. Und so, wie es damals, zu Sowjetzeiten, "Kremlastrologen" oder "Kremlologen" gab, helfen heute auf der anderen Seite Vatikanologen zum besseren Verständnis, Eingeweihte, Deuter, Insider. Zu denen zählt Seewald, dem sich der Papst in einem langen Gespräch geöffnet hat, ganz gewiss. Diese Zusammenarbeit ist kein Zufall, sondern zeigt das Wollen. Seewald hatte schon Zugang zu Joseph Ratzinger, als der noch nicht so weit oben war.

Ratzinger war immer ein großer Theologe, ein großer Gelehrter, weniger ein Seelsorger, ein Bischof. In seiner Zeit in München als Erzbischof fremdelte er anfangs, überwand dann aber die Grenze zu den Menschen, fand Wege zur Hinwendung. Dennoch ist er ein "Römling", gehört er dahin wie kein zweiter. Johannes Paul II. machte ihn wegen seiner, sagen wir: Gnade der Theologie zum Präfekten der Glaubenskongregation, die früher die Heilige Inquisition hieß. Das ist eine andere Geschichte, das stimmt, nur gab es manche, die in der Härte der Ablehnung fortschrittlicher Haltung, zum Beispiel der weltweit bekannten und diskutierten "Theologie der Befreiung" in Lateinamerika, inquisitorische Züge sahen. In der Rückschau auf dieses Wirken lässt sich allerdings sagen: Kardinal Ratzinger erfüllte erstens ergeben einen Auftrag, der ihm aus katholischer Sicht ja doch erteilt war vom Stellvertreter Gottes auf Erden, dem Nachfolger Petri, und das war der konservative Johannes Paul II. Zum zweiten blieb Ratzinger sich treu: Er legte die Schrift aus, nahm das Wort für wahr, wie weiland in seinen Disputationen mit Karl Rahner.

Ratzinger war zudem einmal Konzilstheologe, wie Hans Küng, der ihm intellektuelle Brillanz nicht bestreitet. Ratzinger hat vor vielen Jahrzehnten das Zweite Vatikanum mit Kardinal Joseph Frings begleitet, und der war nun bekanntermaßen ein großer Menschenfreund. Darüber hinaus sagte der damalige Papst Johannes XXIII. in seiner Eröffnungsrede am 11.Oktober 1962: "Die Irrtümer erheben sich oft wie ein Morgennebel, den bald die Sonne verscheucht. Diesen Irrtümern hat die Kirche sich zu jeder Zeit widersetzt, ja sie häufig auch verurteilt, sogar mit größter Strenge. Was die gegenwärtige Zeit betrifft, so ist die Braut Christi der Ansicht, eher das Heilmittel der Barmherzigkeit anzuwenden als die Waffen der Strenge zu ergreifen; sie meint, bei den heutigen Nöten könne man mehr durch eine ausführlichere Darlegung der Kraft ihrer Lehre begegnen als durch Verurteilen." Benedikt XVI. trägt nicht nur öfter lange nicht gesehene Kopfbedeckungen wie dieser Vorgänger, sondern möglicherweise auch solche Gedanken in sich.

Die Offenheit vergangener Jahrzehnte - Joseph Ratzinger hat sie insofern nie ganz aufgegeben, als er es unverändert für intellektuelle Redlichkeit erachtet, die Argumente des Gegners immer mit zu wägen. Offenheit ist aber für diesen Kirchenmann nicht Beliebigkeit, die Grenzen setzen ihm der tiefe Glaube an Jesus' Wirken und die Schrift.

Einen Hinweis auf verschüttet geglaubte Eigenschaften waren die ersten Worte Ratzingers als Papst und seine erste Enzyklika, in der er niederlegte, dass Gott Liebe sei, Liebe zu den Menschen, dem Menschen. Auch sein Hinweis, dass er Gott gebeten habe, ihn nicht auszuwählen, der ihn aber nicht erhört habe; und dass er ein Mensch sei, vor Fehlern nicht gefeit, der Hilfe Vieler benötige, um seine Aufgabe zu bewältigen, er, der einfache Arbeiter im Weinberg des Herrn. Zwar gilt das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes so dogmatisch ohnehin nicht mehr, aber deutlicher konnte Benedikt XVI. eigene Fehlbarkeit nicht machen. Auch das war, in seiner Art, nahezu revolutionär.

Nun also seine Äußerungen zu Kondomen. Generell gilt zum besseren Verständnis: Wenn der Papst Äußerungen oder Lehrmeinungen eines Vorgängers nicht wiederholt, macht er sie sich nicht zu Eigen. Merke: Es ist nicht nur wichtig, was er sagt, sondern auch, was er nicht sagt. Damit ist das Nichtgesagte zwar nicht aufgehoben, aber eben nicht gegenwärtig bindend. So hat er sich, zum Beispiel, in seiner Enzyklika über die Liebe nicht zu Verhütungsmethoden geäußert. Wenn der Papst sich dann in Nuancen anders äußert, so wie jetzt zu Kondomen, öffnet das nicht nur den Weg zur Debatte, sondern - für einen Nachfolger - auch den Weg zur Abkehr. Vatikanologen würden sagen: Der Nachfolger kann dann sogar immer noch behaupten, dass die Kirche das doch schon vorher, geradezu ewig so gesehen habe.

Man kann das Ganze jetzt so deuten: Um die Konservativen in der Kurie nicht zu Furien zu machen, hat der Papst seine Meinung zum Gebrauch von Kondomen mit Bedacht in ein Gesprächsbuch über Gott und die Welt eingebettet, auf dass es keinen so direkt anspringt und gegebenenfalls auch so verteidigt werden kann - als ein Punkt unter vielen, der willkürlich herausgegriffen wurde. Während andererseits der "Osservatore", gleichsam das päpstliche Amtsblatt, durch eine Vorabmeldung allen auf die Sprünge hilft, die ungläubig vor diesen Worten sitzen. Ein päpstliches hochoffizielles Schreiben mit Siegel ist das noch nicht, aber die Kirche kann diese Türe nicht mehr schließen. Die Debatte wird beginnen, was den Gebrauch von Kondomen angeht; und zwar dadurch, dass der Papst eben nur eine Gruppe angesprochen hat, männliche Prostituierte. Es gibt aber weiß Gott noch mehr Gruppen.

Es könnte außerdem sein, ganz vielleicht, dass die Brillanz des Papstes sich genau daran zeigt, an dieser Auswahl. Hätte er explizit weibliche Prostituierte angeführt, dann hätten Kundige darin auch einen versteckten Hinweis auf Maria Magdalena vermuten können, die Gefährtin Jesu, die gerade in der katholischen Kirche eine eigene Geschichte hat. Weit hergeholt? Mag sein, aber trotzdem möglich. Richtig ist allerdings: Nach dem Katechismus der katholischen Kirche hat Benedikt mit seinen wenigen Worten gleich mehrere Punkte angesprochen, die Unkeuschheit, die Unzucht, die Prostitution und die Homosexualität. Das heißt nicht, dass der Papst die Mahnungen, wohlgemerkt nicht Dogmen, für das "Leben in Christus" aufhebt oder auch nur in Abrede stellt. Wichtig bleibt bei alledem, dass er überhaupt ein Beispiel wählt, um das Thema zu eröffnen.

Ja, und darum kann es sein, dass in der Rückschau diese Tage im November der Beginn von etwas Großem für die katholische Kirche waren. Dieser Papst erinnert an eine traditionelle Argumentation der Moraltheologie, die Güterabwägung - und entscheidet sich für das Wohl des Einzelnen, des Bedrängten. Das Leben. Er meint es wohl ernst: "Deus caritas est". Insofern könnte man auch sagen, dass Benedikt XVI. spät zu seiner Form der Theologie der Befreiung gefunden hat Übrigens: Benedikt kommt vom lateinischen bene dicere, das Gute sagen.

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