Kontrapunkt : Unbekannte Gesichter, gemischte Gefühle

Der deutsche Wähler setzt auf starke Kandidaten. Die Parteien dagegen entpersonalisieren sich zusehends. Da laufen zwei Entwicklungsstränge dramatisch auseinander, meint Malte Lehming und fordert Konsequenzen für die Bundestagswahl 2013.

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Müssen sich für einen Kopf entscheiden: SPD-Troika Steinbrück, Gabriel, Steinmeier (von links). Foto: dpa
Müssen sich für einen Kopf entscheiden: SPD-Troika Steinbrück, Gabriel, Steinmeier (von links).Foto: dpa

Es gab einmal Parteien, die hatten ein Gesicht. Willy Brandt, Helmut Schmidt, Gerhard Schröder bei der SPD; Konrad Adenauer, Helmut Kohl, Angela Merkel bei der CDU; Franz Josef Strauß bei der CSU, Hans-Dietrich Genscher und Guido Westerwelle bei der FDP; die Grünen repräsentierte einst Joschka Fischer; für die Linken wiederum standen lange Zeit Oskar Lafontaine und Gregor Gysi. Diese Personen prägten ihre jeweiligen Parteien nicht minder als deren Image in der Öffentlichkeit. Brandt war die SPD, Kohl die CDU, Strauß die CSU und Genscher die FDP.

Ein Blick auf die Gegenwart ergibt ein anderes Bild. Die deutschen Parteien haben sich, mit Ausnahme der CDU, auf Bundesebene radikal entpersonalisiert. Bei den Linken kandidieren aktuell zehn Kandidaten um die Doppelspitze. Bei den Piraten weiß man nie, wer gerade die Geschäfte führt oder wegen zu viel Stress das Handtuch geworfen hat. Die SPD-Troika versucht, etwas verkrampft, sich irgendwie als Einheit zu inszenieren, obwohl jeder weiß, dass etwa zwischen Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel durchaus das eine oder andere Blatt passt. Philipp Rösler kann allenfalls nominell für sich beanspruchen, die FDP zu vertreten. In dieser Beziehung nur leicht besser dran ist Horst Seehofer mit seiner CSU. Und das grüne Quartett – Jürgen Trittin, Claudia Roth, Cem Özdemir, Renate Künast – scheint vor allem deswegen geeint, weil es sich kaum zu Gehör bringt.

Da laufen zwei Entwicklungsstränge dramatisch auseinander. Denn während die Parteien sich entpersonalisieren, hat der Wähler sich personalisiert. Ob Hannelore Kraft, Winfried Kretschmann, Olaf Scholz, Wolfgang Kubicki, Klaus Wowereit, Christian Lindner: In fast allen Wahlen der jüngsten Zeit haben die Wähler nicht in erster Linie aufs Parteibuch ihres Lieblingskandidaten geschaut, sondern auf diesen selbst. Personen sind in der Politik offenbar wichtiger denn je geworden, aber auf Bundesebene immer unwichtiger.

Das muss, im Vorgriff auf die Bundestagswahl 2013, Konsequenzen haben. Zumindest auf SPD und FDP lastet ein Spitzenpersonalklärungsdruck, der täglich größer wird. Je weiter diese Klärung verschoben wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Erschütterungen des Nachentscheidungsbebens in die heiße Phase des Wahlkampfs hineinwirken. Anders gesagt: Rösler jetzt durch Lindner zu ersetzen, böte der FDP die Chance, aus Spitzenkandidat und Partei noch jene Einheit zu formen, die für einen Erfolg der Partei in gut einem Jahr notwendig ist. Auch die drei durch Ehrgeiz aufgepumpten Sozialdemokraten dürften kein Interesse daran haben, dass die Narben der Frustrationen, die zwei von ihnen notwendigerweise befallen werden, bis zur Wahl noch nicht verheilt sind.

Auf Linke, Piraten und Grüne trifft zwar dasselbe zu, aber sehr viel eingeschränkter, da sie, mehr als die etablierten Parteien, von Stimmungen, Tendenzen und Programmen leben. Wer Linke wählt, will Bankenmacht brechen. Wer sie bricht, ist egal. Wer Piraten wählt, will straffrei Inhalte aus dem Netz herunterladen, für die er ansonsten bezahlen müsste. Wer das durchsetzt, ist egal. Wer Grüne wählt, will mehr Klima- und Umweltschutz, wenn’s sein muss auch mit Özdemir und Künast. In diesen Fällen gleicht die richtige Ideologie die Performancemängel an der Spitze aus.

Deshalb spielen auch Persönlichkeits- und Charakterfragen von Politikern der etablierten Parteien in der Öffentlichkeit eine weitaus größere Rolle als beim links-grün- piratigen Personal. Je belangloser das Programm für die Klientel, desto wichtiger ist der einzelne Politiker in seiner Gesamtheit. Und umgekehrt: Je wichtiger das Programm, desto unwichtiger dessen Vertreter. Kein Pirat stürzt über ein Palästinensertuch. Bei der CDU sähe das anders aus.

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