Kontrapunkt : Ventil und Hyperventil

Von 9/11 zu 3/11: Dem Déjà-vu-Erlebnis kann man sich kaum entziehen. Die beherrschenden Gefühle sind Angst und Wut. Warum die Ereignisse in Japan eine ähnlich historische Zäsur markieren wie die Terroranschläge vom 11. September 2001.

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Mit Mahnwachen wird in vielen Städten des Atomunglücks in Japan gedacht.
Mit Mahnwachen wird in vielen Städten des Atomunglücks in Japan gedacht.Foto: dpa

Es ist kein Zufall, dass immer öfter Parallelen gezogen werden zwischen 9/11 und 3/11. Denn die Terroranschläge in den USA markieren eine historische Zäsur wie die atomaren Desaster in Japan nach der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe. Damals wie heute sind die beherrschenden Gefühle Angst und Wut. Diese Gefühle brauchen ein Ventil.

In den USA entlud sich die aus dem Gleichgewicht geratene nationale Psyche in zwei Kriegen und dem Aufbau eines gigantischen Heimatschutzministeriums. Und was dort die Angst vor dem Terror war, ist in Deutschland die Angst vor dem Atom. Dabei ist es unerheblich, dass die Quelle der deutschen Angst rund 9000 Kilometer entfernt steht. Angst braucht keine räumliche Nähe, um wirklich empfunden zu sein. Gefühlt ist den Deutschen das Kernkraftwerk Fukushima hautnah. Der beschleunigte Ausstieg aus der hiesigen Atomnutzung soll auch Ausdruck dieser hautnahen Angst sein.

Von 9/11 zu 3/11: Dem Déjà-vu-Erlebnis kann sich kein aufmerksamer Zeitzeuge entziehen. In den USA hieß es damals: Wenn das (gemeint war der Einsturz der Twin Tower des World Trade Centers) möglich ist, dann ist alles möglich. In Medien, Politik und Think Tanks wurden Dutzende Horror-Szenarien durchgespielt und in ihrer Konsequenz beschrieben. Ein entführtes Flugzeug stürzt auf ein Kernkraftwerk, eine schmutzige Bombe explodiert in einem Einkaufszentrum, das Grundwasser einer Metropole wird vergiftet. Nichts schien mehr absurd. Die Terror-Angst-Epidemie grassierte ohne Rationalitäts-, sprich: Wahrscheinlichkeitskontrolle.

Angst steckt an und fasziniert: Was für Medienexperten und Psychologen eine Binse ist, konnte Tag für Tag vor den Fernsehschirmen studiert werden. "Wer mit Angst arbeitet, ist immer im Vorteil", sagte 2003 der Psychologe Paul Slovic von der University of Oregon. "Es ist leichter zu ängstigen, als zu beruhigen. Und wir vertrauen eher jenen Menschen, die uns vor Gefahren warnen, als jenen, die sie uns ausreden wollen." In den USA warnten damals Kriegsgegner und Bürgerrechtler vor einer Instrumentalisierung der kollektiven Angst. Doch die Emotionen waren zu stark.

Ähnlich ist es heute in Deutschland. Anfangs warnten konservative Atomkraftbefürworter vor einer Instrumentalisierung der Angst. Doch diese Stimmen sind rasch still geworden. "Wenn ein Komet vom Himmel stürzt, sind unsere Atomkraftwerke nicht mehr sicher", bilanzierte am Montagabend der ARD-Moderator in einer Sondersendung. "Und ich habe gerade das Gefühl, dass dieses Risiko neu bewertet wird." Rund 70 Prozent der Deutschen glauben, dass hier ein ähnlicher Atom-Unfall wie in Japan passieren kann. Die Das-erinnert-mich-an-mich-Nation diskutiert nicht, ob es in Deutschland Erdbeben der Stärke 9 und 10 Meter hohe Tsunami-Wellen gibt. Statt dessen verlangt ihr Schock über die Bilder aus Japan eine drastische Aktion. Was für die Amerikaner nach 9/11 der Sturz der Taliban und von Saddam Hussein war, ist für die Deutschen nach 3/11 der möglichst schnelle Ausstieg aus der Atomkraft.

Hier wie dort brauchte es erst eine Katastrophe, damit die Terror- bzw. Atomkraftwarnungen ernst genommen wurden. Und hier wie dort lagen Stichwortgeber auf der Lauer der Gelegenheit. Richard Perle und Paul Wolfowitz glaubten, das beste Mittel im Kampf gegen den Terror sei die Demokratisierung der arabischen Welt. In Dick Cheney hatten sie einen Gesinnungsgenossen in der Bush-Regierung. Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin hielten die Laufzeitverlängerung schon immer für gesellschaftlichen Verrat. In Norbert Röttgen finden sie nun einen Mitstreiter im Merkel-Kabinett für einen noch rascheren Ausstieg aus der Kernenergie.

Ganz ähnlich beschaffen ist auch jener nationale Eigensinn, der mitunter an Autismus grenzt, wie er sich in den USA nach 9/11 und in Deutschland nach 3/11 ausbreitete. Wer Angst sät, erntet Macht: Amerikanische Kriegstrommler und deutsche Atomkraftgegner wurden zwar im Inland gestärkt, aber das Ausland verweigerte ihnen oft die Gefolgschaft. Deutsche, Franzosen, Russen und Chinesen wollten Bush nicht in den Irak folgen; Polen, Franzosen, Inder und Chinesen wollen den Deutschen nicht in den Akw-Ausstieg folgen. Wer freilich den Zeitgeist im Rücken wähnt, wertet Isolation meist auch als Zeichen der Verblendung anderer.

So führten und führen 9/11 und 3/11 zu einer Art Auto-Immunisierung gegen Kritik. Stefan Mappus, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, sagte es gestern Abend in der ARD deutlich: "Viele Menschen haben Angst, da kann man nicht einfach sagen, weiter so. Da können Sie nicht einfach rational argumentieren."

Mappus hat recht. Denn man macht es sich zu leicht, wenn man kollektive Gefühle der Angst - ob vor Terror oder Atom - wegrationalisieren möchte. Nein, diese Gefühle sind sehr real und verlangen nach einer entsprechenden politischen Geste. Dabei gilt: Je intensiver die Angst, desto massiver muss die Antwort auf sie ausfallen.

Deshalb musste George W. Bush ebenso in Afghanistan einmarschieren wie Angela Merkel den Einstieg in den Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg verkünden. Gegen die Stimmung im Volk Politik zu machen, konnten und können sich beide nicht erlauben. Nach 9/11 und 3/11 bewiesen Bush und Merkel ein hohes Maß an Flexibilität und Instinkt. Und so lange durch ihren Aktionismus das Gute befördert wird - Entmachtung der Taliban, Atomausstieg -, lässt sich das sogar begrüßen.

Hoffen wir nur, dass sich die nächste kollektive Angst nicht gegen Ausländer richtet.

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