Kontrapunkt : Verbote stoppen Netzbanditen nicht

Null Toleranz gegen Hacker haben sich die US-amerikanischen Ermittler auf die Fahnen geschrieben. Dieser harsche Reaktion greift aber zu kurz.

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Wer sind sie? Die Hacker-Gruppe Anonymous legt sich mit Ermittlern an.
Wer sind sie? Die Hacker-Gruppe Anonymous legt sich mit Ermittlern an.Foto: AFP

Bei öffentlichen Protestaktionen tragen sie Masken, in ihren Chatrooms benutzen sie Pseudonyme, auch untereinander kennen sich wohl die meisten persönlich nicht. Kurz, der Name des Hackerkollektivs Anonymous ist Programm. Das konnte der Welt egal sein, solange Anonymous da blieb, wo es herkommt, im Dickicht der Chaträume mit ihren verzweigten und oft wirren und für Außenstehende nur schwer verständlichen Debatten. Sollen sie spielen und fluchen. Who cares.

Doch Anonymous will Einfluss nehmen auf die Welt da draußen. Als amerikanische Unternehmen Wikileaks die Konten sperrten, zogen sie aus zu einem Rachefeldzug, und legten mit digitalen Kanonen Webseiten lahm. Und als diese Woche 16 der ihren in den USA, England und den Niederlanden verhaftet wurden, ließ der Gegenangriff ebenfalls nicht lange auf sich warten. Hacker der Gruppierung brachen in Server der Nato ein und stahlen Dokumente. Sagen sie zumindest. Die Nato prüft noch den Vorgang.

Doch jetzt brauchen Politiker und Behörden einen Namen für den gesichtslosen Schwarm, der da sein Unwesen treibt und sie suchen zunächst in der analogen Welt, der, die sie kennen. Sind Anonymous politische Aktivisten? Terroristen? Verbrecher? Sind sie eine Gruppierung, eine Partei, eine Vereinigung? Die amerikanischen Ermittlungsbehörden haben sich entschieden. Mit der Anklageschrift – händisch unterschrieben, mit Schwung gestempelt und realgeographisch verortet im Northern District of California – sortieren die Juristen das Treiben der Hacker in die Schubladen „Verschwörung“ und „Beschädigung geschützter Computer“. Darauf stehen in den USA bis zu zehn Jahre Haft. Das ist eine Ansage. Null Toleranz.

Aber ist das die richtige Bewertung von sogenannten DDos-Attacken, bei denen Server lahm gelegt werden und Webseiten einige Stunden nicht verfügbar sind? Ist die Blockade einer Webseite Sabotage – oder vielleicht eine neue und legitime Form des Protests?

Protest hört dann auf legitim zu sein, wenn er realen Schaden verursacht. Und oft ist das der Fall, wenn eine Webseite lahm gelegt wird. Die betroffenen Unternehmen verlieren Einnahmen, die sie über die Seiten generieren. Insofern sind DDos-Attacken nicht harmlos, auch, wenn die Seiten oft schnell wieder am Netz sind. Hinzu kommt die Art und Weise, wie sich das Kollektiv zu Gesetzgeber, Richter und Exekutive gleichzeitig aufschwingt. So gruselig man die Art und Weise finden mag, wie sich mehrere Großunternehmen mit fragwürdigen Argumenten aufmachten, Wikileaks zu unterdrücken – Selbstjustiz kann die Antwort nicht sein.

Doch auch die harsche Reaktion der amerikanischen Justiz greift zu kurz. Zwar haben Anonymous niemandem den Gefallen getan, einen Verein zu gründen, Statuten aufzustellen oder Manifeste zu schreiben. Zwar sind ihre Motive ständig im Flux. Doch Anonymous sind eine politische Bewegung. Aus den nebulösen und oft aggressiven Statements lässt sich herauslesen: Die Idee einer radikalen Meinungs- und Handlungsfreiheit und das Gefühl, dass diese Freiheit bedroht ist. Wer mit der juristischen Keule gegen sie vorgeht - meist junge Männer mit einigem Grips - nährt das Gefühl, das ihre Selbstgerechtigkeit speist: „We become bandits on the Internet because you have forced our hand – Wir werden Netzbanditen, weil ihr uns dazu zwingt.“ Es gilt, die Spirale von harter Hand und anarchischer Gegenwehr rechtzeitig zu unterbrechen. Denn verbieten lässt sich der Schwarm nicht.

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