Kontrapunkt : Warum sind wir nicht glücklicher?

28.11.2011 13:41 Uhrvon
  • Es braucht mehr als nur politisches Interesse, um ins Bundestagsgebäude zu kommen: u.a. Personalausweis, Termin und Sicherheitskontrolle. Foto: Andreas Fink
    Es braucht mehr als nur politisches Interesse, um ins Bundestagsgebäude zu kommen: u.a. Personalausweis, Termin und Sicherheitskontrolle. - Foto: Andreas Fink
  • Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin-Tiergarten nennt man auch "die schwangere Auster". In der Nacht werden ihre "Schalen" aus Licht besonders deutlich. Foto: Willy Rudolf Springer
    Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin-Tiergarten nennt man auch "die schwangere Auster". In der Nacht werden ihre "Schalen" aus Licht besonders deutlich. - Foto: Willy Rudolf Springer
  • Das Kanzleramt - das Zentrum der Macht. Foto: Conny Jürgens
    Das Kanzleramt - das Zentrum der Macht. - Foto: Conny Jürgens

Den Deutschen geht’s besser denn je, dem Rest der Welt auch. Bloß hören will das keiner. Malte Lehming ergründet, woran das liegt.

Wir leben in einer großartigen Zeit. Und die noch bessere Nachricht: Die Welt wird immer schöner. Das wird oft verdrängt. Krise, Kriege, Klima, Krankheiten – die Schlagzeilen suggerieren Dauer-Übles. Doch die globalen Fakten sprechen eine andere Sprache. Warum hören wir nicht zu?

Die Zahl der Kriege und Kriegstoten ist rückläufig. Die Lebenserwartung steigt. Die medizinische Versorgung wird besser. Die Säuglingssterblichkeit nimmt ab. Die Zahl der Analphabeten sinkt. Auch die Zahl der armen Menschen sinkt. Das Internet gibt immer mehr Menschen Zugang zu Informationen. Und selbst die einkommensbezogene Ungleichheit auf der Welt (gemessen am sogenannten Gini-Koeffizienten) nimmt ab.

Trotz der Vergrößerung der Einkommensschere etwa in den USA geht der Trend, global betrachtet, in Richtung größere Gleichheit.

Doch damit nicht genug des Guten. Wie der Harvard-Psychologieprofessor Steven Pinker in seinem jüngsten Buch zeigt („Gewalt - Eine neue Geschichte der Menschheit“), wird die Welt auch stetig humaner. Die Bürgerrechte verbreiten sich, die Tierquälerei wird weniger, immer mehr Frauen emanzipieren sich, die Toleranz gegenüber Homosexuellen wächst. Und die Gefahr der Überbevölkerung, mit inzwischen sieben Milliarden Menschen? Halb so wild. In den siebziger Jahren lag die durchschnittliche Fruchtbarkeitsrate in der Welt bei 4,45, heute beträgt sie noch 2,45. Das Bevölkerungswachstum verlangsamt sich erheblich.

Wenn schon die globalen Trends von einer frohen Botschaft künden, müssten die Deutschen erst recht in Verzückung geraten. Denn die nationale Perspektive bietet ebenfalls ausreichend Jubelgründe. Das Land ist relativ gut durch die Krise gekommen, es ist der Wachstumsmotor in Europa, die Arbeitslosigkeit sinkt und sinkt, die Löhne von Millionen Menschen steigen, die Preise ziehen nur moderat an, die Zinsen sind niedrig, die Sparguthaben gigantisch groß.

Doch, oh weh! Die Deutschen sind nicht glücklich. Im Gegenteil. Während in vielen Ländern der sogenannte SWP-Index (Subjective Well-Being) zwischen 1999 und 2006 gestiegen ist, sind die Deutschen in diesem Zeitraum unglücklicher geworden. Und zwar auf niedrigem Niveau. Im Vergleich zu anderen OECD-Ländern rangieren sie in der unteren Hälfte. In einer neueren internationalen Vergleichsstudie, der "Map of Happiness", liegt das Land sogar hinter Ägypten, Kirgistan und Ruanda auf einem der letzten Plätze.

Woran liegt das? Da mögen kulturelle Gründe eine Rolle spielen – die Bereitschaft des gemeinen Muffel-Deutschen, sich als glücklich zu bezeichnen, ist wahrscheinlich kleiner als sein tatsächliches Glücksempfinden –, doch das erklärt nicht alles. Nun ist die Glücksforschung eine eher junge Wissenschaft. Hauptfaktoren für das Wohlbefinden scheinen das Maß der Freiheit, der Selbstbestimmung, der Gerechtigkeit und der sozialen Toleranz zu sein. Langsam wachsender Wohlstand verändert das Glücksgefühl kaum.

Was bislang unterschätzt wurde, ist die Rolle der Religion und das Bedürfnis nach Überschaubarkeit. Wer vor zwanzig verschiedenen Waschmittelsorten steht, hat zwar große Wahlfreiheit, spürt aber extreme Verunsicherung. Im Englischen spricht man in diesem Fall von "choice overload", einem Zuviel an Optionen. Einen ähnlichen Effekt beobachten Glücksforscher nun auch im Sozialverhalten: Zu viel Freiheit macht unglücklich. Wer etwa der Behauptung zustimmt, außerehelicher Geschlechtsverkehr sei falsch, ist meist glücklicher als der, der dies verneint.

"Moral freedom overload" heißt, keine Kriterien zu haben für richtige und falsche Handlungen. Das entmoralisierte Ideal der freien Selbstbestimmung führt oft ins Unglück. Die richtige Mischung aus Freiheit, Tugend, Mäßigung, Gerechtigkeit und Toleranz ist offenbar der Schlüssel fürs Glück. Warum die Deutschen sich so schwer damit tun? Vielleicht fehlt ihnen manchmal auch etwas ganz Einfaches: Dankbarkeit.

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