Kontrapunkt : Was die Kanzlerin gegen Gauck gehabt haben mag

Was, wenn (fast) alles anders ist, als gedacht, fragt Stephan-Andreas Casdorff in seinem Kontrapunkt über Merkel und Gauck. Vielleicht wollte die Kanzlerin bei aller Sympathie nicht noch einen Kandidaten verlieren - aus zwei Gründen.

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Was steckt hinter Angela Merkels anfänglichen Ablehnung einer Gauck-Präsidentschaft?
Was steckt hinter Angela Merkels anfänglichen Ablehnung einer Gauck-Präsidentschaft?Foto: Reuters

Und was wäre, wenn es alles anders wäre? Wenn die groß – und interessant – berichtete Koalitionskrise groß aufgebauscht wäre? Dann wäre es ein erfolgreicher „Spin“, es wäre eine Lesart, die uns in die Blöcke diktiert wurde, damit wir sie verbreiten. Wie eine Mär.

Die Mär wäre dann, dass die FDP sich mannhaft gegen eine Frau, die Kanzlerin, durchgesetzt hat. Dass sie, wie ihr Parteichef Philipp Rösler sagt, Joachim Gauck als künftigen Präsidenten „durchgekämpft“ hat.
Kann sein. Muss aber nicht sein. Als wüsste gerade Merkel nicht, wer gerade in der öffentlichen Meinung wie dasteht; das weiß sie ja schon bei ihren Konkurrenten um Platz eins der Publikumsgunst bei den aktiven Politikern sehr genau. So wird Merkel also vermutlich auch gewusst haben, dass Gauck die höchsten Werte aller möglichen Bewerber hat – und die FDP die niedrigsten aller Parteien. Da soll jetzt nichts zusammenpassen? Schule des Skeptizismus, Lektion eins: Glaube nicht alles, was man sagt.

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Drum kann es auch so gewesen sein, dass die Kanzlerin sauer war, aber vor allem, weil die FDP sich nicht nur sperrig, sondern auch skurril zeigte, mit abseitigen Namen (pardon!) kam, Klaus Kinkel, Wolfgang Ischinger, um sich zu profilieren. Dabei musste die FDP doch von Anfang an wissen, dass sie in dieser Krise nicht die Partei sein würde, die einen eigenen Kandidaten durchsetzt; nicht mit zwei Prozent in der Wählergunst.
Sauer kann die Kanzlerin auch gewesen sein, weil sie gemerkt hat, dass der heimliche Parteichef Wolfgang Kubicki heißt, der aus Kiel, im Wahlkampf stehend, die FDP auf Linie gezwungen hat. Was soll sie auch für die Zukunft davon ableiten, wo doch Rösler ihr erster Ansprechpartner ist?

Sauer kann Merkel außerdem sein, weil ihre Präsiden bei der CDU dann aber immer noch nicht verstanden haben, dass Rösler auch anders sein kann als nett. Hat denn keiner zugehört, als er die Geschichte mit dem Frosch und wie er am besten gegart wird erzählte? Sein Lächeln zeigt eine Seite. Und wenn die andere auch Unsicherheit ist – hat Rösler etwas für sich übernommen, will er es durchsetzen. Und wie? Bambus ist biegsam, bricht aber nicht so schnell.

Und es kann sein, dass die Kanzlerin neben allem anderen sauer ist, weil sie Gauck persönlich spannend findet, aber ihn länger kennt und findet, dass er mit nur einem Thema ausgestattet ist, dem der Freiheit; und weil sie Schatten auf der Lichtgestalt befürchtet. Bei aller Sympathie: noch einen Kandidaten verlieren …

Da ragen schließlich zwei Themen in diese Zeit, in Gaucks Vorwahlzeit, hinein. Das erste: Als die PDS von der Bundesregierung über die Anzahl der beschäftigten ehemaligen Stasi-Angehörigen Bescheid wissen wollte, ließen Gauck und der damalige Direktor Busse die Bundesregierung wissen: „Beim Bundesbeauftragten wurden am 1. Januar 1997 noch 15 ehemalige hauptamtliche Mitarbeiter des MfS als Angestellte bzw. als Arbeiter beschäftigt.“ Gutachter stellten dazu später fest: „Diese Auskunft war falsch.“ Unerwähnt blieben mindestens 46 zu dieser Zeit beschäftigte ehemalige Wach- und Personenschützer des MfS, drei frühere Mitglieder des MfS-Wachregiments sowie weitere 16 ehemalige Hauptamtliche.

Das zweite Thema ist, wie Gauck sich unter anderem zu Christian Wulffs Satz, der Islam gehöre inzwischen auch zu Deutschland, äußert. Er warnt vor Überfremdung – und „ich verwende den Begriff hier ganz bewusst“, warnt dazu vor einer gefährlichen Selbsttäuschung. Und zieht außerdem dieses Beispiel heran: Über lange Jahre habe es in aufgeklärten Teilen des alten Westens so das Gefühl gegeben „Entfeindet euch gegenüber dem Osten, schaut den Osten mal ganz lieb an und nennt die Kommunisten nicht immer Kommunisten“. Sein Fazit: Das bringt nichts.

Was, wenn (fast) alles anders ist als gedacht?

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