Kopftuchstreit in der Türkei : Da muss sie durch

Die Türkei sucht in der Kopftuchdebatte nach ihrer eigenen Identität. Niemand sonst in Europa regt sich so sehr über das Tragen eines Kopftuches auf.

Susanne Güsten

Islamisierung sagen die einen, Chancengleichheit die anderen. Im Kopftuchstreit sucht die Türkei nach ihrer eigenen Identität. Gut so, denn da muss sie durch. Im Kopftuchstreit geht es um die Macht in der Türkei. Die Kemalisten, seit Jahrzehnten die Elite der Türkei, wollen auch künftig über die Grundzüge staatlicher Politik bestimmen, obwohl sie bei den letzten Wahlen nur noch etwa 20 Prozent der Wähler hinter sich brachten. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan dagegen pocht auf das Entscheidungsrecht der Mehrheit. Das mag arrogant sein, vielleicht auch politisch unklug. Undemokratisch ist es nicht.

Die Türkei bleibt auch dann ein laizistischer Staat, wenn Studentinnen im Kopftuch im Hörsaal sitzen dürfen. Wäre die Freigabe des Kopftuches für Studentinnen – immerhin mündige Bürgerinnen, die wählen und ein Auto fahren dürfen – ein Zeichen für eine Islamisierung, dann wären alle großen Demokratien des Westens islamistische Staaten. Niemand in Europa regt sich über Kopftücher für Studentinnen auf. Kopftücher für Lehrerinnen und andere Beamtinnen sind in der Tat etwas völlig anderes und in Europa zu Recht umstritten. Aber darum geht es in der Türkei nicht, sondern nur um die Studentinnen, und dabei soll es nach Erdogans Aussagen auch bleiben.

Die Gegner des Premiers sehen im Tuch für die Studentinnen den Anfang einer Islamisierung und wollen deshalb mit allen demokratischen und juristischen Mitteln dagegen kämpfen. Das ist ihr gutes Recht. Nur: Man sollte sich davor hüten, in den Kopftuchgegnern wackere proeuropäische Reformer zu sehen, die ein Abgleiten der Türkei ins Mittelalter verhindern wollen. Die Kemalistenpartei, die den Kampf gegen das Kopftuch anführt, stemmt sich auch gegen eine Ausweitung der Meinungsfreiheit und gegen mehr Rechte für die Christen im Land. Auch die ebenfalls kemalistisch eingestellten Militärs gehören nicht gerade zu den herausragenden Reformkräften im Land. In fast fünf Jahren als Regierungschef hat Erdogan dagegen nichts getan, was als Zwang oder Drangsalierung Andersdenkender interpretiert werden könnte. Im Gegenteil. Er hat die türkische Demokratie weiter vorangebracht als seine kemalistischen Vorgänger.

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