Meinung : Korruptes Deutschland: Die neue Heimat

Vor nicht allzu langer Zeit wurde in diesem Land heftig über ein Wort gestritten. Es heißt "Leitkultur". Die deutsche Kultur sei nicht nur etwas Einmaliges, sondern auch etwas besonders Wertvolles. Hinter der Leitkultur-Debatte stand das jahrzehntealte deutsche Trauma - einerseits wollen wir uns als Deutsche wohl fühlen in unserer Haut, und, jawohl, ein bisschen Stolz kann kein Verbrechen sein. Andererseits wissen wir, dass keinem Volk Hochmut so schlecht steht wie uns. Wie ein Nachtrag zum Streit um die Leitkultur wirkt jetzt der neue Bericht der Organisation Transparency International. Er sagt: Deutschland ist ein ziemlich korruptes Land geworden. In Deutschland wird geschmiert und bestochen, sowohl in der Politik als auch in der Privatwirtschaft.

Wir sind noch lange nicht Weltmeister, aber auf der Liste der korrupten Völker sind wir doch um einige Plätze nach oben geklettert. Man sieht: Völker verändern sich. Leitkultur ist dynamisch. Manche behaupten: Es liegt an der Globalisierung. Korruption ist sozusagen ein Virus, den wir Deutsche uns beim Kontakt mit den anderen Völkern eingefangen haben. Mit anderen Worten, nur das Gute ist deutsch. Was nicht gut ist, muss irgendwie von draußen kommen. Korruption ist aber menschlich. Eine Gesellschaft, in der es keinerlei Korruption gibt, muss die Hölle sein: ein Totalitarismus des Legalitätsprinzips, die Diktatur der Prinzipienreiter.

Korruption bedeutet, sich gegenseitig einen Gefallen zu erweisen. Ich gebe dir dieses, du gibst mir dafür jenes. Wir schließen einen kleinen Pakt miteinander, die Gesetze oder Spielregeln vergessen wir mal, für einen Moment. Das hat fast jeder schon einmal gemacht. So funktioniert unser Zusammenleben. Korruption ist unausrottbar, wie Lüge, Diebstahl oder Prostitution. Man muss sich mit ihr abfinden, gleichzeitig muss man sie bekämpfen. Denn wenn Korruption sich ungehindert ausbreitet, dann wirkt sie wie ein Krebsgeschwür, dann überwuchert sie das Legalitätsprinzip, dann herrscht das Recht des Stärkeren.

Das schlechte Gewissen muss bleiben, in jenem Moment, in dem zwei Freunde einander einen kleinen Gefallen jenseits der Legalität versprechen. In Deutschland funktionierten die Kontrollmechanismen lange Zeit sehr gut. Korruption gab es immer, aber wer als korrupt enttarnt wurde, der war gesellschaftlich erledigt. Das hing mit den preußischen Traditionen zusammen, mit dem Ehrenkodex der Beamten, mit der tief verwurzelten Ehrfurcht vor Staat und Gesetz. Aber seit Jahrzehnten schwindet die Kraft dieser Tradition. Legalität scheint nicht mehr so wichtig zu sein, stattdessen hat ein anderer Begriff Karriere gemacht: Legitimität. Was legitim ist, muss nicht unbedingt legal sein. In diesem Punkt sind die Hausbesetzer, die Castor-Schienen-Blockierer, die kriminellen Bauunternehmer, die bestechlichen Dezernenten, die Greenpeace-Aktivisten und die Treuhand-Profiteure sich einig. Legal, illegal, scheißegal - die einen berufen sich auf politische Ziele, den anderen geht es um den persönlichen Vorteil. In beiden Fällen heißt die Botschaft: Es gibt Wichtigeres als das Gesetz.

Das klingt so, als könne man die Ausbreitung der Korruption den 68ern in die Schuhe schieben. Aber die Dämme sind erst dann gebrochen, als auch Konservative anfingen, so zu denken. Die Konservativen, diese geborenen Verteidiger des Legalitätsprinzips, haben ihre Stellungen verlassen, und es gibt einen Mann, dessen Name dafür zum Symbol geworden ist. Er heißt Helmut Kohl. Kohl vertritt bis heute die Auffassung, dass ein Versprechen unter Freunden, zum eigenen Vorteil, ein höheres Gut sei als das Gesetz. Er hat ein gutes Gewissen. Es ist aber ein Unterschied, ob ein Unternehmer oder ein Demonstrant so redet oder ein Bundeskanzler. Wenn die Spitzen des Staates den Staat und die Gesetze nicht mehr ernst nehmen, peinlich genau ernst nehmen, wer soll es dann tun?

Aber es gibt in dieser Geschichte einen Hoffnungsschimmer. Stimmt es wirklich, sollte ein Millionengeschäft zum Beispiel bei der Berliner Bankgesellschaft nur die bescheidene, die geradezu rührende Summe von 40 000 Mark kosten, als Parteispende? Dann wären die Deutschen bei der Korruption noch Anfänger. Wir können es noch nicht so gut wie andere. Das tröstet.

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