Korruption : Die Fifa ist zu weit gegangen

Vier weitere Jahre mit Joseph Blatter als Fifa-Präsident wären nicht mal das Schlimmste. Noch mehr als gegen Blatter sollten die Fußballverbände gegen die WM in Katar kämpfen, gerade wenn sich die Bestechungsvorwürfe erhärten.

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Joseph Blatter.
Joseph Blatter.Foto: AFP

Ein Weltkonzern mit Milliardenumsatz, der geführt wird wie ein Kleingartenverein. In dem der wichtigste Umrechnungskurs der für gegenseitige Gefallen ist – wenn du mir dies gibst, verspreche ich dir jenes. Schmiergeldzahlungen werden dazu gerne als soziale Projekte deklariert, das sieht hübscher aus. Und gelegentlich verkauft dieser Verein auch mal das Beste und Teuerste, was er zu bieten hat: die Weltmeisterschaft. Willkommen beim Welt-Fußballverband Fifa.

Als ob nichts passiert wäre, soll Joseph Blatter, der Konzernchef oder eher der oberste Vereinsmeier, an diesem Mittwoch in Zürich für vier weitere Jahre gewählt werden. Obwohl er schon 75 ist. Obwohl er schon lange dabei zusieht, wie in der Fifa eine Mentalität der Selbstbedienung gewachsen ist – wenn er nicht sogar daran mitwirkt. Ein Unrechtsbewusstsein scheint es in diesem Verband nicht zu geben. Vielleicht haben sich Funktionäre diese Brücke in ihr Lügengebäude geschlagen: Was sind schon 40 000 Dollar für mich im Verhältnis zum Einkommen eines Fußballprofis?

Die Korruption in der Fifa wurde bisher hingenommen, weil das Spiel selbst und die großen Fußballnationen nicht allzu sehr darunter zu leiden hatten. Als Deutschland die WM 2006 erhielt, ging auch nicht alles mit rechten Dingen zu. Doch die Hinweise auf unlautere Einflussnahme wurden ignoriert. Blatter bekam von der Kanzlerin das Bundesverdienstkreuz. Deutschland ist Fußball-Land.

Katar ist Fußball-Wüste. Die Fifa ist zu weit gegangen, als sie Ende des vergangenen Jahres die WM 2022 in das Emirat vergab. Deshalb wird gerade jede E-Mail nach Verdachtsmomenten durchsucht, die belegen könnten, dass diese WM gekauft worden ist. Gut möglich, dass zu den ohnehin schon suspendierten Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees noch andere kommen werden.

Vier weitere Jahre mit Joseph Blatter als Fifa-Präsident wären dennoch nicht einmal das Schlimmste. Der Schweizer scheint zumindest im Ansatz verstanden zu haben, dass es für seine Organisation um alles geht. Er hat den richtigen Vorschlag gemacht, künftig alle Verbände zusammen die Weltmeisterschaften vergeben zu lassen, nicht mehr die 24 Mitglieder des Exekutivkomitees. Stimmenpakete und Pakte wird es auch in Zukunft geben. Aber bei 208 Mitgliedsverbänden werden sie schwerer zu schnüren sein.

Es wird Blatters letzte Amtszeit sein, und ob er sie durchsteht oder schon vorher vom europäischen Verbandspräsident Michel Platini beerbt wird, ist ungewiss. Der größere Schaden als die Wiederwahl Blatters entstünde, wenn die Fifa jetzt nicht ihre Statuten änderte. Wenn sie aus ihrer mit Blatter-Freunden besetzten Ethikkommission keine Anti-Korruptionseinheit machte. Wenn sie nicht harte Maßnahmen gegen jegliche Regelverletzungen durchsetzte und zur Maxime „Null Toleranz gegen Betrug“ nicht auch die nach maximaler Transparenz stellte.

Von jetzt auf gleich wird die Korruption in der Fifa jedoch nicht verschwinden. Denn sie ist bisher immer von unten nachgewachsen – ganz demokratisch. Nationale Fußballverbände wählen ihre Funktionäre, die bilden dann die Konföderationen der Erdteile, die wiederum die Mitglieder der Fifa-Exekutive wählen. Ein Teil der Wahrheit ist, dass sich bisher vor allem Funktionäre aus ärmeren Ländern empfänglich gezeigt haben, in denen Korruption zum Alltag gehört. Allerdings kann nun von oben, vom Fifa-Kongress, das Signal gesendet werden, dass es sich nicht mehr wie bisher finanziell auszahlt, internationaler Fußballfunktionär zu werden. Die Sponsoren der Fifa könnten die Botschaft verstärken, indem sie Verträge nicht verlängern.

Noch mehr als gegen Blatter sollten die Fußballverbände gegen die WM in Katar kämpfen, das würde sich lohnen, gerade wenn sich die Bestechungsvorwürfe erhärten. Es wäre ein Novum, einem Land den Wahlsieg wieder abzuerkennen. Und eine Mahnung für alle weiteren Bewerbungsverfahren. Aber das ist eben Sport. Spielen nach Regeln. Wenn hinterher Doping nachgewiesen wird, müssen Athleten ihre Medaille auch wieder abgeben.

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