Meinung : Korsika: Ein Mord für den Frieden?

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Beerdigungen wie die des prominenten korsischen Ex-Nationalistenführers Francois Santoni kennt man sonst nur aus Kriminalfilmen: Stunden vor dem Ereignis bezogen Mitglieder der aus Paris angereisten französischen Antiterror-Einheit Posten, ebenso diskret wie die Mitglieder des Santoni-Clans. Beide Gruppen hatten dasselbe Ziel: Die Suche nach Hinweisen auf Santonis Mörder. Was für die einen, die Freunde des Ermordeten, in einem Rachefeldzug enden könnte, ist für die anderen, die französischen Polizeiexperten, möglicherweise die vorerst letzte Chance, das Friedensangebot der Pariser Regierung an Korsika zu retten. Das Attentat auf Santoni hat Jospins auf mehr Autonomie abzielende Versöhnungsprogramm in Frage gestellt. Jospins Kritiker, überwiegend aus Konservative, werfen ihm ohnehin Naivität vor. Sie kritisieren, das Teilautonomie-Angebot an die Insel führe nur zu Missverständnissen bei den Nationalisten. Tatsächlich feierten die militanten Korsen Jospins Vorschläge als Errungenschaft des bewaffneten Kampfes und als ersten Schritt auf dem Weg zur vollständigen Unabhängigkeit Korsikas und verknüpften das Pariser Korsikaprojekt mit der Forderung der Freilassung ihrer in etlichen französischen Gefängnissen einsitzenden Mitstreiter. Allerdings könnte, Zynik hin oder her, Santonis Tod den Versöhnungsprozess auch beschleunigen. Warum? Weil mit Santoni, zuletzt Chef der bewaffneten "Armata Corsa", nun einer der letzten Hardliner unter den korsischen Nationalisten ausgeschaltet ist. Die Jospin-Regierung könnte sich also ab jetzt auf die Verhandlungen mit dem korsischen Regionalparlament konzentrieren. Vielleicht wird der Friedensprozess künftig also zum ersten Mal nicht ständig von blutigen Attentaten gestört werden.

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