Meinung : Kosovo/Afghanistan: Vom Nutzen des Krieges

Krieg löst keine Probleme - wie eine eherne Wahrheit begleitet dieser Satz die deutschen Debatten um Militäreinsätze. Jetzt ist er mit Blick auf Afghanistan zu hören und findet Zustimmung weit über die Friedensbewegung hinaus. Aber stimmt er überhaupt?

Bei den jüngsten Nachrichten vom Balkan kann man das schwerlich behaupten: Im Kosovo hatte die Nato 1999 mit Luftangriffen die serbische Vertreibungspolitik gestoppt. Am Wochenende haben die ersten freien Wahlen stattgefunden, gewonnen hat sie kein radikaler Nationalist, sondern Ibrahim Rugova, Galionsfigur des gewaltfreien Widerstands gegen die serbische Unterdrückung. Möglich war dies nur, weil Soldaten den kalten Frieden seit gut zwei Jahren bewachen. Im benachbarten Mazedonien hat das slawisch dominierte Parlament am Freitag den Verfassungskompromiss mit der albanischen Minderheit beschlossen. Auch dort stabilisieren internationale Truppen die Lage.

Man muss zugeben: Bomben sind immer ein Zivilisationsbruch. Andererseits hat erst die Nato-Intervention die Chance zur Rezivilisierung eröffnet. Der Militäreinsatz hat die "ethnische Säuberung" gestoppt, die Rückkehr der Flüchtlinge ermöglicht und, zeitverzögert, zum Sturz des serbischen Diktators Slobodan Milosevic im Herbst 2000 beigetragen. Krieg kann Probleme lösen. Er löst nur nie alle Probleme - Demokratie und Toleranz kann man nicht herbeibomben.

Krieg schafft zudem immer auch neue Probleme. Er radikalisiert, schürt Rachegefühle und erzwingt fragwürdige Koalitionen. Bereits vor den Luftangriffen, als in Rambouillet noch verhandelt wurde, verschob schon die bloße Interventionsdrohung der Nato die Gewichte im Kosovo: Radikale Albaner fühlten sich zum Kampf um die Unabhängigkeit ermuntert, Milizführer Hashim Thaci gewann an Einfluss und wurde vom Westen hofiert, der keine eigenen Bodentruppen schicken wollte. Die Friedenswilligen um Rugova wurden entmutigt.

Nach dem Sieg konnte die Nato nicht verhindern, dass nun die Serben flohen. Die radikalen Albaner legten keineswegs freiwillig die Waffen nieder, sie forderten ihren Anteil an der Macht und trugen den albanischen Freiheitskampf ins benachbarte Mazedonien. All diese ungewollten Nebenfolgen eines an sich gut begründeten Krieges wiegen schwer. Die Bilanz wäre wohl negativ, hätte der Westen sich nicht an eine politisch und ökonomisch aufwändige Nachbehandlung gemacht: mit Friedenstruppen, UN-Übergangsverwaltung, OSZE-Wahlkontrolle und dem Angebot, die Region an die EU heranzuführen. Kosovo ist auf einem guten Weg. Die gefährlichste Etappe freilich - die Entscheidung über Unabhängigkeit oder Wiedereingliederung nach Restjugoslawien - ist noch nicht überstanden.

Belegen diese späten Erfolge der Kriegsfolgenbereinigung nicht, dass vorausschauende Politik die Balkankriege sogar von vornherein hätte verhindern können? Ist der Gebrauch militärischer Mittel nicht Beweis für das Versagen der Politik? An der Bereitschaft des Westens, viel Geld und Diplomatie aufzuwenden, um Jugoslawien nach Titos Tod zusammenzuhalten, hat es weder vor dem Beginn der serbischen Raubzüge 1991 gemangelt noch danach. Aber er unterschätzte das aggressive Potenzial. Viel zu spät wurde der Militäreinsatz in Betracht gezogen, Hunderttausende Bosniaken mussten diesen Fehler des Westens büßen. Milosevic war militärisch zu stoppen, wie Kosovo zeigt. Nach diesem Präzedenzfall gelang es dann erstmals, präventiv einzugreifen und den Ausbruch eines offenen Krieges in Mazedonien zu verhindern.

Militär als ultima ratio - so denken westliche Demokratien. In vielen Weltregionen dagegen ist Krieg nicht das letzte, sondern das erste Mittel der Politik, um die eigenen Ziele durchzusetzen. Verzichtet wird darauf nur, wenn mit Gegenwehr zu rechnen ist, die eine Niederlage wahrscheinlich macht. Dieses Abschreckungspotenzial kann der Westen nutzen, ja er muss es mitunter. Der Einsatz muss aber letztes Mittel bleiben - und eingebettet sein in eine politische und ökonomische Strategie. Krieg ist ein Übel und überhaupt nur zu rechtfertigen, wenn er mehr Probleme löst, als er neue schafft. Auf dem Balkan ist das gelungen.

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