Meinung : Kosovo: Falsche Bilder, richtiger Krieg

Christoph von Marschall

Es war die Nachricht des Tages am 16. Januar 1999: Im Kosovo-Dorf Racak, so berichtete der OSZE-Missionschef William Walker, ein Amerikaner, hätten serbische Einheiten mehr als 40 Albaner getötet. Und es gab Bilder - Fernsehbilder. Bald war überall vom "Massaker" die Rede. Der 16. Januar vor zwei Jahren war ein entscheidender Tag auf dem Weg in den Kosovo-Krieg der Nato. Noch verhandelte man in Rambouillet über eine friedliche Lösung. Den Einsatzbefehl gab die Nato erst Ende März - nach mehreren vergeblichen Ultimaten. Das "Massaker" von Racak fehlte in keiner der Empörungsreden, mit denen die Spitzenpolitiker der Nato-Staaten die Luftangriffe begründeten, von Bill Clinton bis Rudolf Scharping.

Zum zweiten Jahrestag des "Massakers" von Racak haben zwei hartnäckige Journalisten der "Berliner Zeitung" ihre Zweifel an der Massaker-Version erneuert - mit Zitaten aus dem bald erscheinenden Abschlussbericht der finnischen Gerichtsmediziner. Fazit: Es gibt keine Beweise für ein Massaker an unbewaffneten albanischen Zivilisten. Hat die Nato den falschen Krieg geführt?

Nein, hat sie nicht. In den Monaten vor Racak sind Hunderte albanische Zivilisten von Serben im Kosovo getötet und einige Hunderttausend vertrieben worden. Nur wurden die nicht so propagandistisch überhöht wie die Opfer von Racak. Wegen der Fernsehbilder und der Emotionen, die ein "Massaker" auslöst, ist Racak bei vielen als der eigentliche Kriegsgrund haften geblieben. Und wenn der nun nicht stimmt?

Was die "Berliner Zeitung" nicht ausdrücklich hervorhebt, die beiden Autoren aber auf Nachfrage bestätigen: Es gibt auch keine Beweise, dass Racak kein Massaker war. Es bleibt einfach unklar, was in Racak im Januar 1999 geschah. Es gibt Ungereimtheiten und Widersprüche. Mit Sicherheit weiß man heute, dass viele Politiker und Medien detailreiche Schilderungen von Racak als unumstößliche Wahrheit verkündet haben - obwohl sie keine gesicherten Kenntnisse hatten. So lassen sich weder die behaupteten Verstümmelungen an den Leichen belegen noch die angeblichen Exekutionen per Genickschuss.

Es gibt mindestens 40 Leichen, darunter Frauen und ein Kind. Unklar ist, ob unter den Toten in Zivilkleidung Kämpfer der albanischen Befreiungsarmee UCK sind, die im Gefecht starben - und wenn ja, wie viele. Es gibt keine Belege, dass die Toten aus dem Dorf Racak stammen. Aber was änderte das? Dürfte man Racak mit Achselzucken übergehen, wenn die Serben nur 25 Zivilisten ermordet hätten und die UCK 15 ihrer Gefallenen dazugelegt hätte? Oder wenn einige Zivilisten aus anderen Dörfern stammten?

Doch Kriege werden nicht um Gefühle geführt, sondern aus Interessen. Es ist gefährlich, wenn die entscheidenden Politiker ihre Empörung über die nüchterne Lageanalyse stellen. Genau das war ja das Ziel der UCK, wenn sie versucht haben sollte, die Wirkung von Racak durch Manipulationen zu erhöhen. An Racak ist vor allem erschreckend, wie leicht sich Politiker, Journalisten und die Öffentlichkeit vom Propaganda-Bazillus anstecken lassen - wenn eine Gesellschaft erst einmal so weit ist, in Feind-Kategorien zu denken und Kriegsstimmung in der Luft liegt. Dann wird als "Wahrheit" verkauft und akzeptiert, was wahr sein könnte.

Daran haben sich viele beteiligt. Die finnischen Gerichtsmediziner, die jetzt keine Belege für ein Massaker finden können, aber im März 1999 schwiegen, als die internationalen Medien die Ausführungen ihrer Vorsitzenden Ranta bei einer Pressekonferenz als Beleg für das Massaker werteten. Die Journalisten und Politiker, die dabei mitwirkten, wie aus der "persönlichen Meinung" von Frau Ranta, in Racak habe es ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" gegeben, der "Bericht" über ein "Massaker" wurde. Und wir alle, die wir zu leicht geglaubt und zu wenig misstraut haben.

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