Kosovo : Kosowohin?

Gerüchte und Ängste: Bis zum Jahresende soll der Status der Balkan-Provinz gelöst werden.

Caroline Fetscher

W ieder mal ein balkanisches Missverständnis, diesmal eine Mischung aus Stille Post und Gerüchteküche. Auf einer Pressekonferenz in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, stellte sich Wolfgang Ischinger, frisch gekürter EU-Gesandter für die Verhandlungen um Kosovo, den Fragen von Journalisten. Mehrmals betonte er, die Europäische Union wolle der Einigung der streitenden Parteien nur den Weg ebnen, nur Brücken bauen, nichts vorschreiben. Was wäre wenn, so fragte ein Journalist, sich die Parteien auf eine Teilung des Kosovo einigen?

Ischinger blieb seiner neutralen Linie treu und erwiderte, es sei ganz gleich, Hauptsache, sie einigten sich. Sofort machte der Ausruf die Runde: Ischinger setzt sich für eine Teilung des Kosovo ein! Falsch. Der Diplomat hat dies mit keinem Wort getan. Doch signifikant sind sie jedes Mal, diese Missverständnisse, Aufregungen, Gerüchte und Halbwahrheiten. Sie geben Auskunft über gängige Ängste und Spekulationen, Paranoia und Vorurteile. Welche Gruppe mehr oder weniger gewinnen oder verlieren werde bei der Lösung einer „Balkanfrage“ durch äußere Mächte, das ist seit der ottomanischen Zeit und der österreich-ungarischen Epoche der Region genau der Stoff, der die Balkanbevölkerung aufwühlt. Sogar südosteuropaerprobte West-Journalisten fallen gern mit darauf rein.

Dass jemand wie Ischinger zwar von außen kommt, aber sich im europäischen und demokratischen Stil einfach als Mediator verstehen kann, wie zwischen Lokführern und Bahn AG – so etwas geht noch nicht in alle Köpfe. Oder es wird für falsches Spiel missbraucht. So gelesen kann der Vorfall analytische Früchte tragen.

Worum es gehen wird, wenn die Troika aus EU, Russland und USA dem UN-Generalsekretär am 10. Dezember ihren Abschlussbericht zum Status des Kosovo vorlegt, ist mehr als nur eine eventuelle neue Grenzziehung, mehr als eine Hymne und Nationalfahne. Wie Bahn und Lokführer wissen, kommt es auf klare Weichenstellungen an, auf ein gutes Streckennetz, Verkehrsregeln. Wer sich wünscht, dass Südosteuropa jenseits seiner Traumata Kurs auf die EU hält, der muss ein für alle verstehbares demokratisches Kursbuch entwickeln. Um Teilung oder nicht geht es, das gestehen auch die streitenden Parteien ein, im Grunde nicht. Es geht um viel mehr: Um die Integration der Gesamtregion in ein demokratisches Europa. Noch beschert die EU dem Kosovo andere Probleme: Seit Kosovos Hauptimporteur Bulgarien EU-Mitgliedstaat ist, haben sich Preise für Brot und Zucker verdoppelt. Im Kosovo muss man auf Investoren hoffen, die der Wirtschaft Wachstum und den Leuten Kaufkraft bringen. Aber Investoren kommen nur in ein Land der Rechtssicherheit, eines, dessen Status geklärt ist.

Damit das geschieht, muss westliche Rationalität gepaart mit politischer Kreativität die gezinkten Karten beider Parteien besser erkennen und vom Runden Tisch verbannen.

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