Meinung : Krach nach der Knallerei

Berliner Politiker fordern Verbot von privatem Feuerwerk

Lorenz Maroldt

Ist das nicht irre: In Berlin wird tatsächlich darüber nachgedacht, ob der silvestrige Wahnsinn, der in der Innenstadt tobt, vielleicht doch nicht ganz so normal ist. Bisher wurden in Brand geschossene Wohnungen, abgefetzte Finger, gesprengte Telefonzellen und gejagte Passanten als unvermeidlicher Kollateralschaden eines Freudenfestes zur Begrüßung des neuen Jahres hingenommen, so wie am 1. Mai Straßenschlachten, brennende Autos und zersplitternde Scheiben. Diesmal aber regt sich Widerstand: Der Innensenator erwägt, den Verkauf bestimmter Böller zu verhindern, der Feuerwehrchef möchte am liebsten privates Feuerwerk ganz verbieten und fordert die Krankenkassen auf, die Kosten selbst verschuldeter Kracherunfälle nicht zu übernehmen – er findet Unterstützung aus den Reihen der SPD.

Der friedliche Verlauf des eigentlich gefährlichsten Festes rund ums Brandenburger Tor scheint für einen harten Kurs zu sprechen: Hier gab es organisierte Großfeuerwerke auf dafür abgesperrten Plätzen, private Knallerei im Gedränge war verboten. Passiert ist nichts. Ganz anders fast überall sonst in der Stadt: Dort gingen Mülltonnen und Wohnungen in Flammen auf, im Bahnhof Zoo setzte ein Böller Gleisschwellen in Brand, auf den Straßen wurde mit Leuchtmunition auf Passanten gezielt – und geschossen. In Schöneberg explodierte in einem Hinterhof ein Rucksack voller Feuerwerk: Allein dabei wurden neun Menschen, darunter Kinder, zum Teil schwer verwundet. Insgesamt trugen in der Nacht mehr als 550 Menschen Verletzungen davon: Brandwunden, geplatzte Trommelfelle, verstümmelte Hände.

Lässt sich das alles überhaupt verhindern? Besonders gefährliches Feuerwerk und das Abbrennen an manchen Orten kann durchaus verboten werden, und wer sich selbst fahrlässig schadet, der soll ruhig auch selbst dafür aufkommen. Tatsächlich aber ist das meiste ja schon verboten. Körperverletzung, Brandstiftung, gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr, Zünden von illegalen „Polenböllern“, Kracher in Kinderhänden – das ist nicht plötzlich erlaubt, nur weil Silvester ist. Doch vieles davon wird toleriert: von Eltern, von Freunden, von der Polizei, von Geschäftsleuten, von uns allen. Das ist der größere Teil des Problems.

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