Meinung : Kranke Schönheitsideale

„Kampf gegen den eigenen Körper“

vom 12. August

Im Infokasten zur Bulimie steht: „Die Ursache hängt meistens mit Erfahrungen aus der frühen Kindheit zusammen. Grund dafür kann Vernachlässigung sein. Aber auch eine überängstliche Mutter, die sich zu sehr an ihr Kind klammert, kann die Entwicklung ihres Kindes so sehr stören, dass es keine eigene Persönlichkeit entfalten kann“. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine vielleicht 16-jährige Tochter, bei der Sie diese Erkrankung entdecken. Mit Sicherheit werden Sie in großer Sorge sein und versuchen, möglichst schnell professionelle Hilfe zu erhalten. Neben all den akuten Sorgen um die Gesundheit Ihrer Tochter lesen Sie nun den Artikel und bekommen recht deutlich gesagt, dass Sie (als Eltern) möglicherweise oder gar mit hoher Wahrscheinlichkeit das Kind „in der

frühen Kindheit“ vernachlässigt haben. Als Vater sind Sie noch etwas besser dran; aber als Mutter überlegen Sie mit großen Selbstvorwürfen, ob Sie sich zu sehr an das Kind geklammert haben und damit die Entwicklung des Kindes massiv gestört haben. Nach der Lektüre stellen Sie fest, dass Ihre Tochter zudem keine „eigene Persönlichkeit“ entwickelt haben muss – und Sie sind Schuld daran. Weiterhin wird suggeriert, dass das „Nicht-Entfalten“ einer Persönlichkeit der Grund für eine Bulimie sei.

Ich bin unsicher, woher solche extrem vereinfachenden Ideen kommen. Ich weiß jedoch, dass sämtliche Empirie zu dem Thema der Entstehung von psychischen Störungen, vor allem im Bereich der Essstörungen, keinerlei belastbare Befunde dazu gibt, dass dieses simple Entstehungsmodell haltbar ist. Weiterhin geht diese extrem vereinfachte Darstellung implizit davon aus, dass diese Art von kindlichen Erfahrungen spezifisch für die Bulimie seien.

Alle modernen Theorien der Entstehung psychischer Störungen (und so auch der Bulimie) gehen jedoch meist von einem multimodalen Modell aus. Das bedeutet durchaus, dass Erfahrungen in Kindheit und Jugend eine Rolle bei der Entstehung haben können (aber nicht müssen!). Weiterhin sind körperliche Faktoren zu berücksichtigen (bei Essstörungen können das z. B. Probleme mit Nahrungsaufnahme oder -verarbeitung sein); eine sehr große Bedeutung haben jedoch Einflüsse aus der Gruppe der Gleichaltrigen. Gerade in der Adoleszenz, in der es um die Herausbildung der eigenen Identität, der eigenen Ziele und dabei um Abgrenzung von der Welt der Eltern und der Erwachsenen geht,

ist nachgewiesenermaßen der Einfluss von gleichaltrigen Bezugsgruppen von immenser Bedeutung. Selbst Töchter aus intakten Familien sind nicht immun gegen die Entwicklung pathogener Schönheitsideale (wie beispielsweise

im Zusammenhang mit der Anorexie) oder beispielsweise dagegen, dass Jugendliche nicht nur Drogen ausprobieren, sondern in eine gefährliche Abhängigkeit hineingleiten.

Summa summarum – ein wenig geprüftes und nicht haltbares „family-bashing“ oder gar das extrem antiquierte „Mutter ist an vielem Schuld“ ist weder wissenschaftlich haltbar, noch ist es in irgendeiner Weise für die Behandlung von Personen mit psychischen Störungen (oder die anderen betroffenen Personen) hilfreich. Im Gegenteil führt es zu zusätzlicher Belastung des Systems „Familie“.

Prof. Dr. Thomas Fydrich,

Humboldt-Universität zu Berlin,

Institut für Psychologie

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