Meinung : Kreativ blamiert

Von Lorenz Maroldt

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Bitte, nicht so schnell – man weiß gar nicht mehr, worüber man zuerst lachen soll. Beginnen wir oben – nein, nicht beim Papst. Der hat zwar 28 Minuten mit Angela Merkel gesprochen, und die verspürte, „tief berührt“, wie sie exklusiv als Hobbyreporterin für eine Boulevardzeitung schrieb, „eine Ehre für die gesamte Union“, aber dass der Papst CDU wählen würde, hatten sich die Leute schon gedacht. Obwohl – Wolfgang Thierse berichtet, ihm habe der Papst gesagt, die Wahlen würden erst zum Schluss entschieden...

Beginnen wir beim Kanzler. Der hat gemerkt, dass er mit dem Iran keinen Wahlkampf machen kann. Also behauptet er jetzt, Bush habe wegen seiner „Intervention“ die Bombenbereitschaft relativiert. Hat der zwar nicht, doch – egal. Wirklich? Es ist nicht alles relativ. Einstein war kein Sozialdemokrat; das gilt auch umgekehrt.

Bush ist übrigens heftigst für den EU-Beitritt der Türkei, gegen den seine Freunde von der Christenunion jetzt Wahlkampf machen. Gerne gemeinsam mit der FDP. Gemeinsam? Hieß nicht gestern die Parole: Jeder für sich? Ja, und das galt besonders für Stoiber. Zugegeben, sagt er jetzt, er habe sich „sehr pointiert“ geäußert. Aber er sei missverstanden worden. Was denn nun?

Bleiben wir bei der Union. Deren Finanzministerkandidat Paul Kirchhof (25 Prozent Steuern für alle, und das in zehn Minuten) darf, sagt Merkel, höchstens, aber doch immerhin 50 Prozent seiner Pläne umsetzen. Wenn Politik die Summe aller Ideen geteilt durch das Machtverhältnis minus 25 Prozent Wahnsinn, Intrige und Irrtum ist – heißt das dann: 12,5 Prozent Steuern für alle, und das in fünf Minuten?

Zur FDP. Die fordert „kreative Designer“ auf, E-Cards mit Anti-Rot-Grün-Motiven zu schicken. Zur Belohnung werden die Karten ohne Honorar veröffentlicht, und es gibt Praktikumsplätze zu gewinnen, honorarfrei. Geht doch, Deutschland! Außerdem: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Otto Graf Lambsdorff wegen Waffenbesitzes. In Lambsdorffs Spazierstock, der zur Aufbesserung der Wahlkampfkasse versteigert wurde, war eine Klinge versteckt. Scharfe Sache.

Noch was: Das Informationsamt der Regierung hat für 2000 Euro 500 Exemplare des „Economist“ gekauft, weil da angeblich drinsteht, dass Schröder alles richtig macht. Hat der aber nur behauptet. Drin steht, dass Deutschland mehr Reformen braucht.

Zum Schluss: Fischer. Der sagt, es sei viel Luft in den Umfragen und also noch nichts entschieden. Wie der Papst. Aber die Union, die kann gerade machen was sie will: Brutto, netto, Stoiber, Steuer, es gelingt ihr einfach nicht, unter 40 Prozent zu rutschen. Ganz im Ernst.

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