Meinung : Krieg der Notwendigkeiten

US-Präsident Obama spielt auf Zeit. Dabei weiß er längst, dass er für einen Abzug aus Afghanistan mehr tun muss.

Michael Schmidt

Wundern kann man sich schon. Seit seinem Amtsantritt hat US-Präsident Barack Obama keine Gelegenheit ausgelassen, um deutlich zu machen: Der Krieg in Afghanistan, das ist sein Krieg. Und was immer für einen Sieg nötig sein sollte, wollte er möglich machen. Und er hat es möglich gemacht: Seien es mehr Truppen (er hat sie verdoppelt), sei es eine stärkere Bekämpfung von Aufständischen auch in Pakistan oder ein deutlich größerer Einsatz für den zivilen Aufbau.

Und jetzt das. Während der US-Oberkommandierende in Afghanistan, Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal, vor einer Niederlage im Kampf gegen die Taliban warnt, wenn die Truppen nicht weiter aufgestockt werden, spielt Obama plötzlich auf Zeit. Erst nach einer Überarbeitung der Strategie wolle er über die Entsendung zusätzlicher Soldaten entscheiden, sagte er am Montag. War also, was bisher so entschlossen und zielgerichtet klang, in den Wind gesprochen?

Wohl kaum. Mögen andere Truppensteller ihre Soldaten vom Hindukusch abziehen – die USA werden bleiben. Und sie werden ihr Kontingent aufstocken. Richtig allerdings ist, dass der Rückhalt für den Krieg, der laut Obama ja „nicht ein Krieg der Wahl“ ist, sondern „ein Krieg der Notwendigkeit“, in der US-Öffentlichkeit ebenso rapide schwindet wie in seiner eigenen Partei. Gewerkschaftsnahe Demokraten würden das Geld gerne für andere Dinge ausgeben, fiskalpolitisch orientierte fürchten um die haushaltspolitischen Folgen in Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Der Riss geht quer durch die Administration. Die Linie des Präsidenten war bisher: Mit mehr Soldaten von Taliban kontrollierte Gebiete erobern, sie, anders als früher, dauerhaft unter Kontrolle behalten – und dann mit dem zivilen Wiederaufbau, Not- und Wirtschaftshilfe beginnen. Verteidigungsminister Robert Gates dagegen steht mehr Soldaten seit jeher skeptisch gegenüber – bei vielen Afghanen gälten die Truppen schon jetzt als feindliche Besatzungsarmee.

Tatsächlich dürfte am Ende einer überarbeiteten Strategie keine komplett neue Ausrichtung stehen. Vermutlich wird Obama aber drei Dinge besonders herausstellen: Es geht weniger darum, möglichst viele Taliban zu töten, sondern die Unterstützung der afghanischen Bevölkerung zu gewinnen. Dazu wird man die Afghanen selbst künftig zunehmend in die Verantwortung nehmen wollen und die Ausbildung der afghanischen Polizei und Armee vorantreiben. Und das heißt – ohne Sicherheit kein Wiederaufbau – erst mal wird man mehr tun müssen, bevor man das eigene Engagement allmählich zurückfährt.

Für Deutschland übrigens ist dabei einerlei, ob man sich im Weißen Haus so oder so ausrichtet. Nach der Bundestagswahl, das weiß auch der Bundesaußenminister, werden die USA von den Verbündeten mehr Truppen für den Krieg und mehr Geld für den Wiederaufbau verlangen. Alles andere jedenfalls wäre sehr verwunderlich.

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