Meinung : „Krieg ist manchmal nicht nur notwendig, sondern moralisch gerechtfertigt“

US-Präsident Barack Obama verteidigt in seiner Dankesrede für den Friedensnobelpreis den Einsatz von Gewalt. Er stelle sich der Welt, wie sie sei, sagte er. Das Böse existiere. Wir drucken einen Auszug.

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Karikatur: Klaus Stuttmann; Übersetzung: US-Botschaft

Majestäten, königliche Hoheiten, verehrte Mitglieder des norwegischen Nobelpreiskomitees, Bürger der Vereinigten Staaten, Bürger der Welt, ich nehme diese Ehre mit tiefer Dankbarkeit und großer Demut entgegen. Diese Auszeichnung bezeugt unsere höchsten Ansprüche – dass wir angesichts all der Grausamkeit und des Elends auf der Welt nicht einfach in unserem Schicksal gefangen sind. Unser Handeln spielt eine Rolle und kann die Geschichte zugunsten der Gerechtigkeit beeinflussen.

Und dennoch wäre es nachlässig, wenn ich nicht auf die erheblichen Kontroversen eingehen würde, die Ihre großzügige Entscheidung zur Folge hatte. Teilweise liegt das daran, dass ich am Anfang, und nicht am Ende meiner Bemühungen auf der Weltbühne stehe. Verglichen mit einigen Größen der Geschichte, die mit diesem Preis ausgezeichnet wurden – Schweitzer und King, Marshall und Mandela – sind meine Leistungen gering. Und dann gibt es die Frauen und Männer auf der Welt, die ins Gefängnis geworfen und geschlagen werden, weil sie sich für Gerechtigkeit einsetzen, sich in humanitären Organisationen abmühen, um das Leid zu lindern, die verkannten Millionen, deren stille Taten von Mut und Mitgefühl zeugen und sogar die abgebrühtesten Zyniker berühren. Ich kann jenen nicht widersprechen, die der Meinung sind, dass diese Frauen und Männer – einige von ihnen bekannt, andere von ihnen nur sichtbar für die Menschen, denen sie helfen – diese Ehre weit mehr verdienen als ich.

Aber vielleicht ist das größte Problem an meiner Auszeichnung mit diesem Preis die Tatsache, dass ich der Oberbefehlshaber eines Landes bin, das sich inmitten zweier Kriege befindet. Einer dieser Kriege geht langsam zu Ende. Bei dem anderen handelt es sich um einen Konflikt, den die Vereinigten Staaten von Amerika nicht gesucht haben; einen Konflikt, in dem dreiundvierzig Länder an unserer Seite stehen – darunter auch Norwegen –, um uns und alle andere Länder vor weiteren Anschlägen zu verteidigen.

Dennoch befinden wir uns im Krieg, und ich bin für die Entsendung Tausender junger Amerikaner verantwortlich, die in einem weit entfernten Land kämpfen müssen. Einige von ihnen werden töten. Einige von ihnen werden getötet werden. Daher bin ich heute mit einem unmittelbaren Gefühl dafür hier, was uns bewaffnete Konflikte kosten – angesichts all der schwierigen Fragen über das Verhältnis zwischen Krieg und Frieden und unsere Bestrebungen, das eine mit dem anderen zu ersetzen.

Diese Fragen sind nicht neu. Krieg trat in der einen oder anderen Form mit dem ersten Menschen in Erscheinung. Zu Anbeginn der Geschichte fragte sich niemand, ob Krieg moralisch vertretbar sei; er war einfach eine Gegebenheit wir Dürren oder Krankheiten – das Mittel, mit dem Stämme und später Kulturen nach Macht strebten und ihre Differenzen beilegten.

Im Laufe der Zeit versuchte man mit Gesetzen, die Gewalt innerhalb von Gruppen zu kontrollieren. Ebenso versuchten Philosophen, Geistliche und Staatsmänner, die zerstörerische Kraft des Krieges einzuschränken. Das Konzept eines „gerechten Krieges“ trat in Erscheinung; es legte nahe, dass ein Krieg nur gerechtfertigt ist, wenn er bestimmte Bedingungen erfüllt: dass er als letztes Mittel oder zur Selbstverteidigung geführt wird, dass die Verwendung von Gewalt verhältnismäßig ist und dass, wo möglich, Zivilisten von der Gewalt ausgenommen sind.

Während eines Großteils der Geschichte hielt man sich selten an dieses Konzept des gerechten Krieges. Das Vermögen des Menschen, neue Wege zu ersinnen, sich gegenseitig zu töten, erwies sich als unerschöpflich, ebenso wie unsere Fähigkeit, diejenigen von unserem Mitleid auszunehmen, die anders aussahen oder zu einem anderen Gott beteten als wir. Kriege zwischen Armeen wurden verdrängt von Kriegen zwischen Nationen – totale Kriege, bei denen die Grenze zwischen Kombattanten und Zivilisten verschwamm. In nur dreißig Jahren überschwemmte ein solches Blutbad diesen Kontinent zweimal. Und obwohl es schwer ist, sich eine gerechtere Sache als den Sieg über das Dritte Reich und die Achsenmächte vorzustellen, war der Zweite Weltkrieg ein Konflikt, in dem die Gesamtzahl der getöteten Zivilisten die Zahl der gefallenen Soldaten überstieg.

Angesichts derartiger Zerstörung und des Anbruchs des Atomzeitalters wurde es Siegern und Besiegten gleichermaßen klar, dass die Welt Institutionen benötigte, die einen weiteren Weltkrieg verhindern würden. Ein Vierteljahrhundert, nachdem der US-Senat den Völkerbund abgelehnt hatte, eine Idee, für die Woodrow Wilson diese Auszeichnung erhielt – führten die Vereinigten Staaten die Welt beim Aufbau einer Architektur an, die Frieden gewährleisten sollte: der Marshallplan und die Vereinten Nationen, Mechanismen zur Einschränkung von Kriegen, Verträge zum Schutz der Menschenrechte, zur Verhinderung von Völkermord und der Begrenzung der gefährlichsten Waffen.

In vielerlei Hinsicht waren diese Bestrebungen erfolgreich. Ja, schreckliche Kriege wurden geführt und Gräueltaten wurden verübt. Aber es gab keinen Dritten Weltkrieg. Der Kalte Krieg endete mit jubelnden Menschenmassen, die eine Mauer einrissen. Der Handel hat einen Großteil der Welt zusammengeführt. Milliarden von Menschen sind aus der Armut befreit worden. Die Ideale der Freiheit, Selbstbestimmung, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit wurden stockend vorangebracht. Wir sind die Erben der Stärke und des Weitblicks vergangener Generationen, und auf dieses Vermächtnis ist mein Land zu Recht stolz.

Zehn Jahre nach Anbruch des neuen Jahrhunderts gibt diese alte Architektur unter der Last neuer Bedrohungen nach. Die Welt erzittert vielleicht nicht mehr beim Gedanken an einen Krieg zwischen zwei Atommächten, aber die Weiterverbreitung von Atomwaffen erhöht möglicherweise das Risiko einer Katastrophe. Terrorismus ist schon lange eine Taktik, aber moderne Technologien ermöglichen es einer kleinen Anzahl von Menschen mit einem Übermaß an Wut, in schrecklichem Ausmaß Unschuldige zu töten.

Zudem sind Kriege zwischen Ländern zunehmend von Kriegen innerhalb von Ländern verdrängt worden. Das Wiederauftreten ethnischer oder konfessionell motivierter Konflikte, die Zunahme sezessionistischer Bewegungen, Aufstände und gescheiterte Staaten haben Zivilisten in unendlichem Chaos eingeschlossen. In den heutigen Kriegen werden mehr Zivilisten getötet als Soldaten, die Saat für zukünftige Konflikte wird gelegt, Volkswirtschaften werden ruiniert, Zivilgesellschaften entzwei gerissen, die Zahl von Flüchtlingen nimmt sprunghaft zu, und Kinder werden von ihren Familien getrennt.

Ich habe heute keine endgültige Lösung für die Probleme des Krieges dabei. Aber ich weiß, dass wir denselben Weitblick, dieselbe harte Arbeit und dieselbe Ausdauer benötigen wie die Frauen und Männer, die vor Jahrzehnten so mutig gehandelt haben, wenn wir diese Herausforderungen bewältigen wollen. Und wir werden völlig neu über die Konzepte eines gerechten Krieges und die Gebote eines gerechten Friedens nachdenken müssen.

Wir müssen damit beginnen, die schwere Wahrheit anzunehmen, dass wir gewaltsame Konflikte in unseren Lebzeiten nicht werden abschaffen können. Es wird Zeiten geben, in denen Nationen – die allein oder gemeinsam handeln – den Einsatz von Gewalt nicht nur als notwendig, sondern als moralisch gerechtfertigt betrachten werden.

Dabei bin ich mir dessen bewusst, was Martin Luther King vor Jahren während derselben Zeremonie sagte: „Gewalt führt nie zu dauerhaftem Frieden. Sie löst kein gesellschaftliches Problem: Sie schafft lediglich neue und kompliziertere Probleme.“ Als jemand, der als unmittelbare Konsequenz des Lebenswerks von Dr. King hier steht, bin ich der lebendige Beweis für die moralische Kraft von Gewaltlosigkeit. Ich weiß, dass die Überzeugung und das Leben von Gandhi und King nichts Schwaches, nichts Passives und nichts Naives hatten.

Aber als Staatschef, der kraft seines Amtseides verpflichtet ist, sein Land zu schützen und zu verteidigen, kann ich mich nicht nur von ihrem Beispiel leiten lassen. Ich stehe der Welt gegenüber, wie sie ist, und ich kann angesichts der für die amerikanischen Bürger bestehenden Bedrohungen nicht untätig sein. Denn täuschen Sie sich nicht: Das Böse existiert auf der Welt. Eine gewaltlose Bewegung hätte Hitlers Armeen nicht stoppen können. Verhandlungen können die Anführer der Al Kaida nicht überzeugen, ihre Waffen niederzulegen. Es ist kein Aufruf zum Zynismus, wenn man sagt, dass Gewalt manchmal notwendig ist – es ist eine Anerkennung der Geschichte, der Unvollkommenheit des Menschen und der Grenzen der Vernunft.

Ich sage dies, weil es heute in vielen Ländern eine tiefgehende Ambivalenz bezüglich Militäraktionen gibt, unabhängig von der Ursache. Gelegentlich kommt dazu ein reflexartiges Misstrauen gegenüber den Vereinigten Staaten, der einzigen militärischen Supermacht auf der Welt.

Aber die Welt muss sich in Erinnerung rufen, dass es nicht nur internationale Institutionen – nicht nur Verträge und Erklärungen – waren, die in der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg für Stabilität sorgten. Welche Fehler wir auch gemacht haben, eine einfache Tatsache ist zutreffend: Die Vereinigten Staaten von Amerika haben dazu beigetragen, die globale Sicherheit seit mehr als sechzig Jahren mit dem Blut unserer Bürger und der Stärke unserer Waffen zu garantieren. Der Dienst und die Opfer unserer Frauen und Männer in Uniform haben von Deutschland bis Korea Frieden und Wohlstand gefördert und ermöglicht, dass Demokratie an Orten wie dem Balkan Wurzeln schlägt.

Wir tragen diese Last nicht, weil wir anderen unseren Willen aufzwingen wollen. Wir tun es aus aufgeklärtem Selbstinteresse heraus – weil wir eine bessere Zukunft für unsere Kinder und Enkelkinder wollen und glauben, dass ihr Leben besser sein wird, wenn die Kinder und Enkelkinder anderer Menschen auch in Freiheit und Wohlstand leben können. Also ja, die Instrumente des Krieges müssen bei der Sicherung des Friedens eine Rolle spielen. Und dennoch muss diese Wahrheit mit einer anderen Wahrheit einhergehen – dass unabhängig davon, wie gerechtfertigt er ist, Krieg unweigerlich zu menschlichen Tragödien führt. (...)

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