Kriege in Afghanistan und Irak : Anthropologen an die Front

Wie tickt der Afghane? Wie der Iraker? Die USA sind überzeugt, dass man Kriege nicht allein militärisch gewinnen kann.

Alex Star

Am Ende hängt der Sieg von den Herzen und Köpfen der Menschen ab, die dort leben“, sagte Lyndon Johnson 1965. Die Herzen und Köpfe der Menschen, „the hearts and minds of the people“: Mehr als 25-mal verwendete Johnson während des Vietnamkriegs die Formulierung. Zu den Soldaten sagte er: „Indem ihr helft, ihnen Hoffnung und Elektrizität zu bringen, treibt ihr die Sache der Freiheit weltweit voran.“ Doch je häufiger Johnson dieses Mantra wiederholte, desto bedeutungsloser wurde es. Die Generation, die während des Vietnamkriegs aufwuchs, benutzte die Formulierung höchstens noch in sarkastischer Abwandlung. Sie war zur Metapher für politische Kurzsichtigkeit verkommen. Die meisten beschlich das ungute Gefühl, dass die Herzen und Köpfe, wenn jemand davon anfing, sie gewinnen zu wollen, längst verloren waren.

Die Kriege im Irak und in Afghanistan dauern inzwischen fast zehn Jahre, und doch erfährt der Begriff eine überraschende Renaissance. George W. Bush hat davon gesprochen, „die Herzen und Köpfe“ zu gewinnen, im Januar 2009 sagte Obama, dass das Einhalten der Genfer Konventionen „unsere Sicherheit stärkt und uns im Kampf gegen die Extremisten hilft, die Herzen und Köpfe zu verändern“.

Der globale Krieg gegen den Terror ist zum Teil zu einem globalen Krieg um die Herzen und Köpfe geworden. Und es ist eine alte Faustregel, dass den Kämpfern um die Herzen und Köpfe schon bald die Sozialwissenschaftler folgen. Das Projekt beginnt schließlich damit, die Herzen und Köpfe zu verstehen – und das erfordert die Verknüpfung unterschiedlichster wissenschaftlicher Expertise. „Die Menschen sind in vielerlei Hinsicht das entscheidende Terrain, und … wir müssen dieses Terrain auf gleiche Weise bearbeiten, wie wir uns immer dem geografischen Terrain gewidmet haben”, schrieb General David Petraeus 2006. Und in der Tat begann das amerikanische Militär zu jenem Zeitpunkt damit, in den Lehrplänen ihrer Ausbildungsinstitutionen und in den Trainingsprogrammen der Bedeutung kultureller Sensibilität mehr Platz einzuräumen. Dazu gehörte die Rekrutierung von Anthropologen und anderen Sozialwissenschaftlern für so genannte „Human Terrain Teams“, die neben den Soldaten im Feld dienen sollten. 2006 veröffentlichte das Militär auch ein neues Anti- Guerilla-Handbuch, das auf kulturelle Sensibilität als Teil der Kriegsführung hinwies. Darin werden die Soldaten ermahnt, nicht zu vergessen, dass die „amerikanischen Vorstellungen davon, was normal oder rational ist, nicht universal gelten“, und genau darauf zu achten, wie sich die Aufständischen kulturelle Symbole und Volkserzählungen von Helden und Banditen zunutze machen. Die Anthropologie war in den Krieg gezogen. Einige Militärs sehen darin die Ursache für die plötzliche Unterstützung irakischer Stammesführer, die zuvor noch gegen die Amerikaner gekämpft hatten, und für den dramatischen Rückgang der Gewalt in Teilen Afghanistans.

Wenn die Befürworter dieses neuen Ansatzes ihre Ziele erklären, greifen sie auf Modelle aus der Vergangenheit zurück, auf den Zweiten Weltkriegs und den Kalten Krieg, als eine große Zahl amerikanischer Anthropologen und Sozialwissenschaftlern für die Regierung arbeitete. Zugleich verweisen auch die Kritiker der militärischen Kulturstrategie auf Vergangenheit, um deutlich zu machen, dass dieser Ansatz schon damals verhasst war und schwerwiegende Folgen gehabt hat. Das Zusammenwirken von Wissenschaft und Politik ist auch heute so umstritten, wie es stets gewesen ist.

In seinem Buch „Anthropological Intelligence“ zeigt David Price, dass Anthropologen während des Zweiten Weltkrieges in erstaunlich vielen Rollen der Regierung zugearbeitet haben. Einige schrieben Handbücher über fremde Kulturen, andere ließen sich als Spione oder Geheimdienstmitarbeiter anwerben. Die meisten Anthropologen widmeten sich jedoch den Japanern. Ruth Benedict und andere widersprachen damals der Annahme der Militärs, dass die Japaner so fanatisch an ihren Kaiser glauben, dass sie niemals zur Aufgabe bereit sein würden. Doch geschickte Überredungskunst, betonten sie, könnte sogar die verhärtetsten Herzen und Köpfe gewinnen und verhindern, dass es zu einer brutalen Bombardierung der japanischen Städte kommen müsse. Während das Militär über den Pazifik vordrang, durften die Anthropologen Flugblätter und Radiosendungen vorbereiten. Viele betonten die guten Absichten der USA für die Nachkriegszeit. Benedict und ihre Kollegen waren davon überzeugt, dass sie als Experten für „Kultur und Persönlichkeit“ der Japaner in der Lage seien, deren Charakterstruktur offenzulegen. Und obwohl es ihnen um Toleranz und den Kampf gegen Rassismus ging, erweckten ihre Analysen bisweilen den Eindruck, die Japaner seien inhärent labil oder primitiv.

Während des Kalten Krieges spielte die Anthropologie eine eher kleine Rolle. In den 50er und 60er Jahren war das vorherrschende Paradigma in den Sozialwissenschaften von den Modernisierungstheoretikern besetzt, die für die romantische Sympathie für das Primitive, die viele Anthropologen weiterhin äußerten, nur Verachtung übrig hatten. Stattdessen beschrieben sie universelle Entwicklungspfade, auf denen sich alle Gesellschaften in Richtung Prosperität und Industrialisierung befinden würden. Psychologie, Wirtschaft und Politik eines Landes würden sich gemeinsam entwickeln. Walt Rostow, der stellvertretende nationale Sicherheitsberater unter Präsident Kennedy und nationale Sicherheitsberater unter Johnson, hatte in den 50er Jahren mit seinem monumentalen Werk „The Stages of Economic Growth: A Noncommunist Manifesto“ mitgeholfen, dieses wissenschaftliche Feld zu etablieren. In Vietnam wollte Rostow die Modernisierungstheorie zur Anwendung bringen. „Um einen Guerilla-Krieg zu gewinnen“, schrieb er 1963, müsse man „die Grundstruktur einer modernen Gesellschaft errichten“. Die Theorie scheiterte in der Praxis. Die Bauern wurden in „strategischen Dorfschaften“ angesiedelt, wofür sie ihr angestammtes Land verlassen mussten, und wurden gezwungen, strenge Überwachungsmaßnahmen und Bewegungseinschränkungen zu akzeptieren. Die Herzen-und-Köpfe-Strategie verfehlte die Herzen und Köpfe der Vietnamesen. Während die Kulturanthropologen dazu neigten, Fremde in zweifelhafte kulturelle Muster einzuordnen, ließen die Modernisierungstheoretiker Kultur meistens ganz außen vor.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entstand in den USA ein neues Interesse am Islam; was man wissen wollte, oder wie man mehr in Erfahrung bringen könnte, blieb dabei umstritten. Auf der obersten Ebene der Macht wurden Wissenschaftler wie Bernard Lewis, Fouad Ajami und Victor Davis Hanson ins Weiße Haus eingeladen. Die meisten von ihnen waren davon überzeugt, dass die einzige Sprache, die die arabische Welt verstünde, die der Gewalt sei. Zugleich gab es andere Stimmen, die vom Frühling arabischer Freiheit sprachen. Schließlich wurden gerade Diktatoren entmachtet, an deren Stelle verantwortliche Regierungen traten. Die Araber sollten bestraft werden – und sie sollten befreit werden. Diese widersprüchlichen Motive führten, neben vielen weiteren, zum Krieg im Irak und zu seiner trostlosen Ausführung.

Mehrere Jahre und viele Fehler später rühmt sich das Militär nun seines verbesserten Expertenwissens. Die Rand Corporation hat einen 400-seitigen Bericht über die Rolle der Sozialwissenschaften in der Terrorismusbekämpfung vorgelegt, der nur so strotzt von konzeptionellen Modellen, wie man Auslöser terroristischer Aktivität identifizieren kann. Der Psychiater und Ex-CIA-Agent Marc Sageman hat die Netzwerktheorie genutzt, um zu belegen, dass Al Qaida keine von oben geführte Bewegung ist, sondern ein Netz von Knoten und Verbindungen.

Trotz solcher Anwendung von Systemtheorie und Analyse bleibt das Wissen, das der Kontakt von Angesicht zu Angesicht generiert, ethnografisches Wissen also, besonders bedeutsam. Und genau darum geht es dem „Human Terrain System“, das Sozialwissenschaftler im Irak und in Afghanistan neben Soldaten platziert. Colonel Steve Fondacaro, der das Programm betreut, hält Anthropologen für seine wichtigsten Rekruten. Nur die Anthropologie, erklärt er, „hilft uns, uns selbst mit den Augen der Bevölkerung zu sehen“ und zu verstehen, „worüber die Bevölkerung wirklich frustriert ist“. Mit anderen Worten: Nur die Anthropologie kann Herzen und Köpfe gewinnen.

Anthropologen stellen jedoch nur eine kleine Minderheit der an dem Programm Beteiligten. Eine viel größere Zahl hat Abschlüsse in Politikwissenschaft, Internationalen Beziehungen oder anderen relevanten Feldern. Das ist angesichts der öffentlichen Ablehnung der organisierten Anthropologie auch kein Wunder. Der Verband Amerikanischer Anthropologen hat das Programm mehrfach verurteilt. Vor allem hat er behauptet, dass die Erkenntnisse der Human Terrain Teams dazu verwendet werden könnten, den Forschungsobjekten zu schaden und damit die ethischen Grundsätze der Feldforschung zu verletzen. Eine Organisation, die sich „Network of Concerned Anthropologists“ nennt, hat Wissenschaftler davor gewarnt, sich durch das Versprechen anlocken zu lassen, mithelfen zu können, den Krieg milder und sanfter zu machen; sie sollten sich nicht daran beteiligen, grundsätzlich unmoralische Einsätze amerikanischer Macht schön zu schminken.

Neben diesen ethischen und ideologischen Einwänden liefern die Anthropologen auch einen epistemologischen: Früher war die Kulturtheorie überzeugt, die gesamte Psyche einer Gesellschaft offenlegen zu können. Wenn Anthropologen heute überhaupt noch mit Kultur beschäftigen, dann, wie zum Beispiel Hugh Gusterson, als etwas „Flüssiges, Umstrittenes, ständig Wechselndes und schwer Verständliches“. Das Militär braucht Schlussfolgerungen in Schwarz und Weiß; die zeitgenössischen Anthropologen, die Kultur wie Gusterson als „beweglich“ verstehen, können nur Unschärfe liefern.

Bisweilen scheint das Programm in der Tat Kultur als etwas relativ Starres und Unbewegliches zu verstehen. Ein Kommandeur in Afghanistan behauptet zum Beispiel, dass „die Fähigkeit der Human Terrain Teams, den Pashtunwali- Code zu operationalisieren“, dazu geführt habe, die Gewalt erheblich zu reduzieren.Pashtunwali ist das traditionelle System von Regeln in paschtunischen Gebieten, und die Hoffnung des Militärs besteht darin, es nutzen zu können, um Verhalten vorherzusagen. Wenn also ein Luftangriff gegen einen Taliban-Führer erwogen wird, könnte das Militär einen Pashtunwali-Spezialisten konsultieren, um herauszufinden, welcher Verwandte des Aufständischen verpflichtet sein könnte, als Reaktion einen Racheeid zu schwören

Inzwischen plant das US-Militär, die Zahl der Human Terrain Teams in Afghanistan von 6 auf 30 zu erhöhen – trotz des Todes mehrerer Teammitglieder im Feld. Der Streit zwischen Offizieren und Wissenschaftlern wird also kaum abnehmen. Das Militär will nützliches Wissen, rasch zusammengetragen; Anthropologen sind bereit, sich langfristig in ein Forschungsfeld zu begeben und mit mehrdeutigen Ergebnissen zurechtzukommen. Der Soldat schätzt klare, strenge Regeln, Disziplin und einen engen Zusammenhalt; der Akademiker reflexive Befragung, Wissen um seiner selbst willen oder, umgekehrt, Wissen, mit dem bestehende Machtstrukturen infrage gestellt werden können. Und doch sind sie sich in einer Sache vermutlich einig: Beide Seiten haben ihre Erwartungen zurückgeschraubt. Weder die Anthropologen noch die Militärs glauben noch daran, sozialen Wandel steuern oder das demokratische Persönlichkeitsmodell exportieren zu können. Die Kriege in Afghanistan und im Irak mögen mit dem Traum kultureller Transformation begonnen haben. Heute sind sie weitgehend Übungen in Schadensbegrenzung. Das Ziel lautet nicht mehr, die Herzen und Köpfe zu prägen, sondern nur noch, sie lange genug zu befriedigen, um einen geordneten Rückzug sicherzustellen.

Die Anti-Terror-Strategen sprechen, trotz aller ambitionierten Rhetorik Obamas, weniger davon, Freunde zu gewinnen, als davon, diejenigen, die uns hassen und töten wollen, von denen zu isolieren, die uns bloß hassen. Während die USA immer mehr Geld dafür ausgeben, den Fremden, der ihnen gegenübersteht, zu verstehen, schwindet der Optimismus, dass aus dieser Begegnung viel entstehen kann. Es geht nicht mehr um die Freiheit und den Sieg – im Kampf um die Herzen und Köpfe werden wir uns vermutlich mit einem Waffenstillstand zufriedengeben.

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