Meinung : Kriege ohne Sieger

Pascale Hugues, Le Point

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Ein etwas schiefes weißes Kreuz im dichten Moos unterhalb einer kleinen Bergstraße. An seinem Fuß ein Strauß künstlicher Blumen von geradezu entwaffnend schlechtem Geschmack. Vor kurzem ist ein Verwandter vorbeigekommen und hat diesen späten Gruß abgelegt. Der blasslila Fingerhut und die knallgelben Plastiknarzissen leuchten im Halbdunkel und lassen den Wald an dieser Stelle wie einen Vergnügungspark aussehen. Das ist keiner der improvisierten Altäre für ein Unfallopfer, wie man sie an den Brandenburger Alleen so oft sieht. Kein junges Leben, ausgelöscht auf dem Heimweg von der Disco. Zu viel Alkohol. Zu hohe Geschwindigkeit. Übermut.

Auch Marc Dorval war 19 Jahre alt. Nach dem Sturm Weihnachten 1999 traten seine Gebeine am Straßenrand zu Tage. Eine heftige Bö riss einen Baum um und legte frei, was von Knochen und Schädel noch übrig war und sich mit Wurzeln und der feuchten Erde vermengt hatte. Dank der Dienstmarke, die er am Handgelenk trug, konnte er fast ein Jahrhundert nach seinem Tod identifiziert werden. Eine Granate tötete den Jäger vom 27. Regiment am 4. August 1915 auf dem Vogesenberg Linge, wo Franzosen und Deutsche sich von Juli bis Oktober 1915 heftige Schlachten lieferten. 17000 Tote in drei Monaten. Marc Dorval starb für Frankreich. Sein Tod war ebenso sinnlos wie der all der jungen Franzosen unter weißen Kreuzen, sinnlos wie der all der jungen Deutschen, „gefallen in Treue zur Heimat“, unter schwarzen Kreuzen, die im dichten Moos der Vogesen aufgestellt wurden.

„Im Frühjahr kommen die Knochen, die Gewehre und das Eisen hoch“, sagt man im Tal. Die vom Schmelzwasser getränkte Erde speit die menschlichen Überreste aus. Wie verfrühte Pilze sprießen jedes Frühjahr weiße und schwarze Kreuze im Wald, zwischen Heidelbeeren, Farn und Erika. Im Frühjahr kommt die schmerzhafte und komplizierte Geschichte des Elsass hoch.

Im Museum der Schlacht am Lingekopf besichtigt eine französische Schulklasse mit ihrem Geschichtslehrer die Schützengräben. Die Gymnasiasten sind 15 Jahre alt, kaum jünger als Marc Dorval. Sie kommen aus Ribeauvillé, einer kleinen Stadt in der Ebene. Sie sprechen mit Elsässer Akzent. Zweifellos haben ihre Urgroßväter an diesem „Großen Krieg“ teilgenommen, den sie nun vor Ort studieren. Die deutschen Schützengräben sind einige Meter von denen der Franzosen entfernt. Die deutschen Gräben sind solide, gemauert, mit Bunkern und Unterständen. Ihnen hat die Zeit nichts anhaben können. „Die Franzosen haben improvisiert“, sagt der Lehrer und zeigt die schon von der Vegetation eroberten Erdlöcher. „Unsere Jäger mit ihren viel schlechteren Möglichkeiten hatten einen eisernen Willen. Der deutsche Soldat, seit hundert Jahren von einer effizienten Organisation unterstützt, hält sich für unbesiegbar“, erklärt ein parteiisches Schild in einer Vitrine.

„Das ist unfair“, sagt ein Schüler. „Wir Franzosen sind mit einem Handicap angetreten.“ Er spricht wie beim Fußball. Er ist wirklich schockiert und voll Zorn auf „die anderen“, „diese dreckigen Boches“ mit ihren hässlichen Pickelhauben. Er bewundert die Tapferkeit „seiner“ französischen Soldaten in ihren königsblauen Uniformen. Er weiß nicht, dass sein Urgroßvater wie alle jungen Elsässer von 1914 bis 1918 im deutschen Heer gekämpft hat, weil das Elsass seit 1870 deutsch war. Der Lehrer sagt nichts. Auf die Feinheiten der Geschichte geht er nicht ein. Für diese Generation von Elsässern liegt die Geschichte, ihre Geschichte, noch im Vogesenwald begraben.

Es wird Abend. Meine kleinen französisch-deutschen Söhne sind nachdenklich. Ich spüre ihre Zerrissenheit zwischen ihren beiden Nationen. „Wer hat den Krieg eigentlich gewonnen?“ fragt der Große. Diese Frage stellen sie mir oft, und die Antwort enttäuscht sie immer. „Einmal hat Deutschland auch gewonnen, und die Franzosen haben den Engel nach Berlin geschickt“, fällt dem Kleinen ein, der seine beiden Hälften unbedingt wieder ins Gleichgewicht bringen will. Er bezieht sich auf die Siegessäule und das Gold, das Frankreich als Reparationsleistung gezahlt hat. Die Ehre Deutschlands ist gerettet. Mittwochabend spielt Frankreich gegen Zypern. 4:0 für Zidanes Mannschaft. Am nächsten Tag singen meine Kinder aus voller Kehle die Marseillaise und die Fußballhymne „deutscher Meister“, als sie an den weißen und schwarzen Kreuzen vorbei zum schmalen Felsplateau des Lingekopf gehen. Im Herbst findet die Geschichte endlich wieder ihre Harmonie.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke.

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