Krise an der Börse : Schrecken - ohne Ende?

Die Zentralbanken der Welt versuchen, einen Crash aufzuhalten. Sie stemmen sich seit mehr als einem Jahr gegen einen Kollaps des Finanzsystems, fluten es auch jetzt wieder mit Milliarden zu Sonderkonditionen. Es ist ein Experiment, dessen Ausgang niemand vorhersehen kann.

Moritz Döbler

Der Teilchenbeschleuniger am Kernforschungszentrum Cern in Genf, die größte Maschine der Welt, ist dagegen niedlich. Das größere Experiment läuft an den Finanzmärkten. Die Zentralbanken der Welt versuchen, einen Crash aufzuhalten, stemmen sich seit mehr als einem Jahr gegen einen Kollaps des Finanzsystems, fluten es auch jetzt wieder mit Milliarden zu Sonderkonditionen. Die schwarzen Tage von 1929, die in Weltwirtschaftskrise und Krieg mündeten, sollen sich nicht wiederholen. Mehr Geld, damit es weitergeht.

Es ist ein Experiment, dessen Ausgang niemand vorhersehen kann. Die Zentralbanker haben sich für Schrecken ohne Ende entschieden; gegen ein Ende mit Schrecken. Alan Greenspan sagt, er habe so etwas noch nicht erlebt, das gebe es nur alle 50 oder 100 Jahre. Joachim Poß sagt, Deutschland werde die Krise heil überstehen. Er ist Finanzexperte der SPD, ein honoriger, ein kluger Mann – aber er kann es nicht wissen. Diejenigen, die voreilig von Licht am Ende des Tunnels gesprochen haben, müssten nun feststellen, dass es sich um einen entgegenkommenden Zug handelt. Das sagt Peer Steinbrück, der Bundesfinanzminister.

Ja, an starken Sätzen fehlt es nicht. Die Analyse ist klar. Es geht nicht um die Pleite einer traditionsreichen Bank an der Wall Street, so traurig und schädlich sie sein mag. Die Sache ist grundsätzlicher und ernster: Die Bürger der größten Volkswirtschaft der Erde haben sich mit Hypotheken und Kreditkarten überschuldet und müssen nun mit weniger Geld auskommen. Das halten nicht alle Sparkassen und Banken aus, vor allem aber drückt das auf den Konsum in den USA und damit auf die Exporte anderer Nationen. Deutschland, den noch amtierenden Exportweltmeister, dürfte das doppelt treffen: Die Nachfrage nach Produkten in den USA sinkt, aber auch die Nachfrage nach Maschinen in China, Indien und anderswo – denn auch dort leidet man unter der Absatzkrise in den USA.

In Deutschland zeigen neue Daten des DIW gerade, wie segensreich ein Aufschwung ist, selbst wenn er im internationalen Vergleich mickrig ist. Hohe und niedrige Einkommen sind nicht weiter auseinandergedriftet, das Armutsrisiko hat – dank der gesunkenen Arbeitslosigkeit – abgenommen. Doch das war gestern. Im noch laufenden Quartal ist die Wirtschaft nach Einschätzung aller Experten erneut geschrumpft oder nicht nennenswert gewachsen – möglicherweise befindet sich Deutschland also schon in der Rezession. Das Schlimme ist: Solche Trends verstärken sich selbst, denn Unternehmen wie Bürger werden nun vorsichtiger.

Ein Konjunkturprogramm könnte theoretisch Abhilfe schaffen. Aber in der Praxis müsste es eine kaum vertretbare Größenordnung haben, um tatsächlich etwas zu bewirken. Die Steuergeschenke des scheidenden US-Präsidenten George W. Bush in Höhe von 150 Milliarden Dollar sind ohne nachhaltige Wirkung versickert – wie groß müssten die Schecks in Deutschland sein, um etwas auszurichten? Es mag kitschig klingen, aber am Ende helfen uns eher die Tugenden der Wirtschaftswunderzeit weiter – mit Genügsamkeit Spitzenleistungen vollbringen, bis die Krise vorüber ist.

Es ist denkbar, dass sich in den Verwerfungen der Finanzmärkte ein Umbruch spiegelt. Vielleicht neigt sich die amerikanische Ära schlicht ihrem Ende zu. Vielleicht ist das aber auch zu hoch gegriffen, schon oft haben sich die USA neu erfunden. So groß wird das schwarze Loch hoffentlich nicht sein.

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