Meinung : Krise, welche Krise?

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Deutschland rutscht ab im internationalen Vergleich. Die Pisa-Studie hat die deutsche Bildungsmisere offenbart, auch beim Wirtschaftswachstum liegt die Bundesrepublik auf dem letzten Platz in Europa. In einer gemeinsamen Serie mit DeutschlandRadio Berlin suchen prominente Autoren „Wege aus der Krise“. Zu hören sind die Beiträge sonntags um 12 Uhr 10 im DeutschlandRadio Berlin (UKW 89,6).

Es wird behauptet, Deutschland befinde sich in einer Krise. Das bezweifle ich. Denn zur Krise gehörte ein breites Bewusstsein in der Gesellschaft davon, dass es gefährlich ist, weiter zu machen wie bisher, dass eingeschliffene Verhaltens- und Denkweisen überprüft werden müssen, um einer Katastrophe oder zumindest einem bitteren Unglück zu entgehen. Ich habe nicht den Eindruck, dass dieses Bewusstsein bei uns vorherrscht. Stattdessen finden wir eine allgemeine Unzufriedenheit mit der persönlichen, mehr noch der allgemeinen Situation und vor allem vielfache Schuldzuweisungen an die „anderen“ – Partner, Arbeitskollegen, Eltern, Lehrer, Politiker, Verbände, Parteien, Ossis, Wessis, Ausländer, Amerikaner –, die jeweilige Misere herbeigeführt zu haben.

Ein dramatischer Befund, der freilich noch nicht den Status einer Krise, die immerhin heilsam sein könnte, erreicht hat. Ich möchte es als eine grassierende Privatisierung und partikularistische Abschottung in unserer Gesellschaft bezeichnen, als das rasante Schwinden eines Freiheitsbewusstseins im Sinne des französischen Soziologen Alexis de Tocqueville, der Freiheit als Verantwortungssinn und -praxis für das Ganze verstanden hat. Im öffentlichen Diskurs können zunehmend „ungestraft“ bornierte, gleichsam betriebswirtschaftliche Standpunkte vertreten werden: Haushaltseinsparungen werden in einzelne Sparten oder Projekte portioniert, welche Folgen das eine für das andere hat, gerät systematisch aus dem Blick. Ein-FachElite-Hochschulen (meist Business-Schools) sollen mit viel Geld gegründet werden, bei denen die Einäugigkeit der Absolventen durch die fachliche Begrenztheit schon programmiert ist. Bei den anstehenden Reformen im Gesundheits- oder Steuerwesen treten Partikularinteressen großer Verbände oder Unternehmen ungeniert auf. Rückfragen nach den Folgen, nach massiven Ungleichheiten der Lebenschancen in der Gesellschaft werden als „nivellierend“ verpönt. Soziale Rücksichtslosigkeit wird zur Reformentschiedenheit umfrisiert. Die von vielen gerühmte Metapher des „Rucks“ suggeriert, dass Reformen abrupt, ohne Rücksicht auf breitere Zusammenhänge, hart durchgezogen werden sollten. Auch dies ist eine Version von Privatisierung, weil der Blick auf das Ganze als schlaffe Zögerlichkeit diskreditiert wird. Schließlich wird mit einer zunehmend manischen Predigt des Wettbewerbsprinzips ein Leistungsverständnis propagiert, bei dem jeder nur noch darauf zu sehen hat, wo er persönlich bleibt. Und dann wundern wir uns, wenn junge Menschen durchdrehen – schließlich kann nicht eine ganze Gesellschaft aus Elite bestehen.

Der Geist der Privatisierung führt in unserer Gesellschaft zu immer tieferen Spaltungen und Abschottungen. Die Individuen kommen sich immer verlorener vor. Die Grenzlinien verlaufen zwischen Generationen, Lebensmilieus, Regionen, Männern und Frauen, Armen und Reichen, Berufssparten, zwischen Ost und West. Überkreuzloyalitäten, in denen Menschen verschiedenen Gruppierungen angehören und durch ihre übergreifenden Loyalitäten diese Gruppierungen miteinander verbinden, werden immer weniger. Vorurteile gedeihen, Stereotype mit ihnen und damit Stigmatisierungen.

Wichtig ist ein moralisches Umdenken. Die Geschichte hat gezeigt, dass Gesellschaften, in denen der Verantwortungs- und Gerechtigkeitssinn zugunsten partikularistischer Interessen, zumal bei den so genannten Eliten, abhanden gekommen ist, sich selbst zerstören. Diese Gefahr sehe ich in der gegenwärtigen Privatisierung unserer Gesellschaft. Die Chance dagegen liegt in gemeinsamen Werken der Bildung, der Wirtschaft, der Kultur, nicht zuletzt der Politik, in denen die Vision eines sinnvollen Lebens aufscheint, an dem wir doch alle, ob wir es zugeben oder nicht, hängen. Nie hat die Befriedigung allein materieller und partikularer Interessen Sinn gestiftet. Die Vision sinnvollen und gemeinsamkeitsstiftenden Handelns bietet die beste Chance, Menschen zu motivieren und bereit zu machen für die Risiken, die in allen solchen Werken unvermeidbar liegen.

Die Autorin, Jahrgang 1943, ist Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Sie ist Mitglied der Grundwertekommission der SPD. Foto: AKG

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