Meinung : Krüppel am Start

Leistungssport ist ungesund. Die Ärzte sind nicht zum Heilen da, sondern um die Belastung erträglich zu halten. Eine Anmerkung zur Dopingdebatte.

Friedhard Teuffel

Es gibt Leistungssportler, die würden vor Schmerzen die Wände hochgehen, wenn sie sich nicht jeden Tag mit Schmerzmitteln betäubten. Um im Wettkampf ein paar Hundertstelsekunden schneller zu sein, laufen manche Athleten im Training bis zum Erbrechen. Und still und leise verabschieden sich wöchentlich Athleten aus dem Leistungssport, weil ihre Körper den Kampf gegen die Belastung nicht mehr aushalten.

Wenn in diesen Tagen nach Begründungen gesucht wird, warum Staat und Gesellschaft mit moralischem und finanziellem Aufwand gegen Doping kämpfen sollen, dann fällt oft das Argument Gesundheit. Mit diesem schönen Etikett verkaufen Sportverbände ihr Produkt an das Fernsehen und werben aus der Wirtschaft Millionen ein. Krankenkassen suchen sich Spitzensportler als Botschafter aus. Sie lassen durchtrainierte Körper für sich sprechen. Doch der Zusammenhang zwischen Leistungssport und Gesundheit ist eine große Lüge.

Hinter all dem steckt die falsche Annahme, dass der Sport eine Pyramide sei. Ganz unten stehen die Breiten- und Nachwuchssportler, und mit Talent und Training geht es von dort immer weiter hinauf bis zum Olympiasieg. Also hängt alles mit allem zusammen. Nur: Diese Pyramide gibt es gar nicht. Der Leistungssport hat sich längst verselbstständigt.

Im Leistungssport geht es darum, Grenzen auszuloten und sie, wenn möglich, zu überschreiten. Es muss alles ausgereizt werden, sonst nutzt es die Konkurrenz. Während in der Gesellschaft das lebenslange Lernen als Ideal gilt und es darauf ankommt, sich seine Kräfte einzuteilen, weil das Leben im Alter einen völlig neuen Wert bekommen hat, lebt der Leistungssportler für den Moment. Es zählt der nächste Wettkampf, und wenn der Sportler nicht rechtzeitig gesund geworden ist, lässt er sich eben fitspritzen.

Wer sich für Olympische Spiele qualifizieren will, muss inzwischen immer höhere Anforderungen erfüllen, Doping ist da die logische Konsequenz. Es gibt zwar immer mehr Ärzte im Sport, aber sie sind im Grunde nicht zum Heilen da, sondern um die Belastung erträglich zu halten. Sie sind Erfüllungsgehilfen.

Manfred Höppner, der medizinisch Verantwortliche für das DDR-Staatsdoping, hat den Leistungssport einmal wegen der unglaublichen Trainingsformen und -umfänge mit Kinderarbeit verglichen und beklagt, dass es im Sport keinen Jugendschutz gebe. Seine Schlussfolgerung lautete: Mit den muskelmachenden Pillen, die er minderjährigen Athletinnen verabreichen ließ, habe er die Mädchen sogar geschützt. Mit den Anabolika-Pillen hätten sie das Training schließlich besser vertragen. So zynisch es klingt, es steckt ein Teil Wahrheit darin.

Von der Körperkultur hat sich der Leistungssport verabschiedet. Regelmäßig berichten ehemalige Leistungssportler, dass sie kaum noch die Treppe hochkommen, weil ihre Knie kaputt sind und ihr Rücken lädiert ist. Nicht ohne Grund wurde der Gesundheitssport geboren, er versucht, Gesundheit und Sport wieder zusammenzuführen und die Sinne zu schärfen: Höre auf deinen Körper.

Früher gab es einmal des Ideal des humanen Leistungssports. Doch was soll das sein? Der wegen Dopings verurteilte Trainer Thomas Springstein hat gesagt: „Es gibt keine Weltmeisterschaften für humane Leichtathletik.“ Den Rest kann man sich denken.

Sicher können auch einem vernünftigen Breitensportler beim Training die Bänder reißen. Und auch ein Spitzensportler kann ohne größere Beschwerden und Nachwirkungen eine lange Karriere durchstehen. Doch dazu braucht er eine unfassbare körperliche Begabung – und noch mehr Glück. Denn wer sich für eine Karriere im Leistungssport entscheidet, der wirft sein Los in eine große Lotterie.

Der Leistungssport funktioniert längst wie ein Zirkus, nur dass der Hochseiltänzer gegen sich selbst antritt, der Leistungssportler aber noch gegen die mutmaßlich gedopte Konkurrenz. Der Kick beim Zuschauen entsteht dadurch, dass die Athleten das gesundheitliche Risiko eingehen, das das Publikum selbst nicht eingehen will.

Sollten also junge Sportler ihr Talent nicht ausreizen und statt fünfmal in der Woche nur zweimal zum Training gehen und lieber noch zum Klavierunterricht und zu den Pfadfindern? Auf Leistungssport muss keiner verzichten. Nur muss er sich bewusst machen, welchen Preis er dafür zu zahlen bereit ist. Gesund sein sollte auf jeden Fall das Misstrauen.

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